Kurs kostenlos startenStarten
Blog  ›  Zwei Fragen

15 Minuten Lesezeit

Warum sich Gerüchte im Elternchat schneller verbreiten als jede Richtigstellung

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Warum sich Gerüchte im Elternchat schneller verbreiten als jede Richtigstellung

Ein Text für Mütter und Väter, für Erzieherinnen, Lehrkräfte und alle anderen, die in einer Klassen-, Kita- oder Vereinsgruppe auf dem Handy mitlesen. Die Szenen spielen in genau solchen Gruppen, in denen Eltern sich sonst über Elternabende, Läuse und Laternenfeste austauschen. Mit einem Gerücht ist hier eine Behauptung gemeint, die ohne Quelle von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Es geht um die Frage, warum sich Gerüchte und Falschmeldungen im Elternchat so schnell verbreiten und warum die Richtigstellung fast nie hinterherkommt. Der Artikel erzählt die Geschichte der Gerüchteforschung, von einem Gedächtnisexperiment in Cambridge über die Gerüchtekliniken im Zweiten Weltkrieg bis zur Forschung über moderne Sagen und über Richtigstellungen, die nicht wirken. Wer den Mechanismus kennt, liest die nächste Warnung in der Klassengruppe mit ruhigerem Puls.

Dienstagabend, 21:14 Uhr. In der Klassengruppe der 2b, siebenundzwanzig Mitglieder, erscheint eine weitergeleitete Nachricht:

„ACHTUNG!!! Heute Mittag wurde vor der Grundschule ein weißer Transporter gesehen, ein Mann hat Kinder angesprochen und Süßigkeiten angeboten. Die Polizei ist informiert. Bitte an alle Eltern weiterleiten!!!“

Innerhalb von zehn Minuten kommen vierzehn Reaktionen. Herzen, erschrockene Gesichter, „Danke fürs Teilen!“, „Wie schrecklich“, „Wir holen ab morgen selbst ab“. Eine Mutter fragt, welche Grundschule gemeint sei. Darauf antwortet niemand, denn niemand weiß es. Die Nachricht ist längst in drei weiteren Gruppen gelandet.

Am nächsten Morgen ruft ein Vater bei der örtlichen Polizei an. Dort ist von einem solchen Vorfall nichts bekannt. Er schreibt das in die Gruppe, sachlich und freundlich. Seine Nachricht bekommt zwei Reaktionen. Drei Wochen später erzählt eine Mutter beim Laternenumzug, man habe ja gehört, vor der Schule sei neulich etwas gewesen.

Solche Nachrichten kursieren seit Jahren in immer neuen Varianten, mit wechselnden Orten, Kennzeichen und Fahrzeugen. Die Faktencheckredaktion Correctiv beschrieb die Warnung vor dem weißen Transporter im September 2024 als moderne Sage, die seit mehr als zehn Jahren immer wieder auftaucht, und verwies auf frühere Fälle, etwa aus dem Harz und dem Kreis Warendorf. Im jüngsten Fall erklärte die Kölner Polizei, es gebe keinerlei Hinweise auf eine versuchte oder vollendete Entführung, und der Halter des abgebildeten Fahrzeugs erstattete Anzeige wegen Verleumdung. Polizeidienststellen bitten immer wieder darum, die Quelle zu prüfen, bevor man eine solche Warnung weiterleitet. Trotzdem funktionieren sie jedes Mal aufs Neue. Dahinter steckt ein Mechanismus, den die Psychologie seit fast achtzig Jahren kennt.

Warum Gerüchte im Elternchat so schnell laufen: Wichtigkeit mal Unklarheit

Gordon Allport (1897–1967), US-amerikanischer Psychologe an der Harvard University, ist vielen bis heute durch sein Buch „Die Natur des Vorurteils“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte er sich gemeinsam mit seinem Kollegen Leo Postman (1918–2004), einem Experimentalpsychologen, mit den Gerüchten, die in der amerikanischen Bevölkerung kursierten und Angst und Misstrauen schürten. 1947 fassten die beiden ihre Forschung in dem Buch „The Psychology of Rumor“ zusammen.

Darin steht eine einfache Faustformel. Wie stark sich ein Gerücht verbreitet, hängt von zwei Dingen ab: davon, wie wichtig das Thema für die Beteiligten ist, und davon, wie unklar die Lage ist. Allport und Postman schrieben das als Produkt: Wichtigkeit mal Unklarheit. Ein Produkt hat eine besondere Eigenschaft. Ist einer der beiden Faktoren null, ist das Ergebnis null. Ein Gerücht über ein Thema, das niemanden interessiert, stirbt. Ein Gerücht über eine Lage, die völlig klar ist, ebenso.

Ein Elternchat ist für diese Formel der denkbar günstigste Ort:

  • Die Wichtigkeit ist maximal. Es geht um die eigenen Kinder. Kein Thema berührt Eltern stärker, und bei keinem fällt Gelassenheit so schwer.
  • Die Unklarheit ist groß. Was in der Schule passiert, erfahren Eltern aus zweiter Hand: aus dem, was die Kinder mittags berichten, und aus dem, was andere Eltern schreiben.
  • Die Gruppe ist eng und vertraut. Eine Warnung kommt von Menschen, die man vom Elternabend kennt. Das alte, gut begründete Vertrauen in Bekannte springt an, obwohl die Nachricht oft gar nicht von ihnen stammt.

Allport und Postman fanden noch etwas heraus. In Laborversuchen ließen sie Geschichten und Bildbeschreibungen von Person zu Person weitererzählen und beobachteten, wie sie sich dabei veränderten. Drei Vorgänge wiederholten sich zuverlässig:

  1. Einebnen. Details gingen verloren, die Geschichte wurde kürzer und einfacher. Nach fünf oder sechs Weitergaben war ein Großteil der ursprünglichen Einzelheiten verschwunden.
  2. Zuspitzen. Einzelne Elemente wurden hervorgehoben und rückten in den Mittelpunkt.
  3. Angleichen. Die Geschichte passte sich den Erwartungen, Sorgen und Vorurteilen der Erzählenden an.

Genau das passiert mit der Warnung vor dem Transporter: Ort und Uhrzeit verschwinden, der Mann mit den Süßigkeiten bleibt, und jede Gruppe ergänzt, was zu ihrer Sorge passt.

Warum Weiterleiten im Elternchat sich wie Verantwortung anfühlt

Die Gerüchteformel erklärt, warum eine Warnung Aufmerksamkeit bekommt. Warum so viele Eltern sie weiterleiten, hat zusätzlich mit einer Rechnung zu tun, die jeder im Kopf aufstellt, ohne es zu merken.

Auf der einen Seite steht das Risiko, eine falsche Warnung zu verbreiten. Es fühlt sich klein an. Dann war es eben falscher Alarm, und niemand ist zu Schaden gekommen. Auf der anderen Seite steht das Risiko, eine echte Warnung zurückzuhalten. Es fühlt sich riesig an. Wer möchte schuld sein, wenn einem Kind etwas passiert? Diese Rechnung geht scheinbar immer zugunsten des Weiterleitens aus. „Lieber einmal zu viel gewarnt“ klingt nach Fürsorge. Der Kölner Fall zeigt, dass die Rechnung unvollständig ist: Auf der Seite der falschen Warnung steht auch ein Mensch, dessen Auto plötzlich in Hunderten Gruppen als Entführerfahrzeug gilt.

Dazu kommt die Dynamik der Gruppe. Wer auf eine Warnung reagiert, zeigt, dass ihm die Kinder wichtig sind. Wer nachfragt, wirkt schnell kühl, besserwisserisch oder so, als nehme er die Sorge der anderen nicht ernst. Deshalb schweigen gerade diejenigen, die Zweifel haben. Und aus dem Schweigen entsteht der Eindruck, alle hielten die Warnung für glaubwürdig.

Die Richtigstellung hat in dieser Lage kaum eine Chance. Sie kommt später, wenn die Aufregung schon gelaufen ist. Sie ist weniger spannend, denn „Es war nichts“ erzeugt kein Herzklopfen. Und sie verlangt von allen, die eben noch reagiert haben, still einzuräumen, dass sie sich geirrt haben.

Wie folgenreich solche Ketten werden können, hat sich weltweit gezeigt. Anfang 2019 verbreitete sich in Elterngruppen vieler Länder die Warnung vor einer angeblichen „Momo-Challenge“, die Kinder über Videos zu gefährlichen Handlungen anstiften sollte. In Großbritannien warnten Schulen und Polizeidienststellen. Kurz darauf erklärten britische Kinderschutzorganisationen wie die NSPCC und die Samaritans, ihnen lägen keine Belege dafür vor, dass Kinder durch diese „Challenge“ zu Schaden gekommen seien; die Aufregung selbst mache Kinder womöglich erst neugierig. In Indien führten 2018 über Messenger verbreitete Gerüchte über angebliche Kindesentführer sogar zu tödlicher Gewalt gegen Unbeteiligte. Der Messengerdienst WhatsApp kennzeichnet seitdem weitergeleitete Nachrichten und begrenzte Anfang 2019 weltweit das Weiterleiten auf fünf Chats auf einmal.

Grundlagen: Wie Gerüchte im Elternchat entstehen, wandern und überleben

Allport und Postman stehen in der Mitte einer Forschungsgeschichte, die eineinhalb Jahrzehnte vor ihnen beginnt und bis heute weitergeht. Sie führt von einem Gedächtnisexperiment mit einer fremden Sage über Zeitungskolumnen im Krieg und die Beobachtungen eines jungen Soziologen in einem Internierungslager bis zur Frage, warum eine Richtigstellung ein Gerücht so selten auslöscht. Die Forscher, die diese Geschichte geschrieben haben, sind sich in vielem einig und an einer entscheidenden Stelle uneins: ob Gerüchte eine Störung des Denkens sind oder eine Form, gemeinsam zu denken.

Frederic Bartlett: Erinnern heißt Nacherzählen

Den Grundstein legte der britische Psychologe Frederic Bartlett (1886–1969), der in Cambridge lehrte und dort 1931 der erste Professor für experimentelle Psychologie wurde. In seinem Buch „Remembering“ von 1932 beschrieb er Versuche, in denen er Studierenden eine nordamerikanische Sage vorlegte, „The War of the Ghosts“, den Krieg der Geister. Die Geschichte war voller Wendungen, die den jungen Engländern fremd vorkamen. Er ließ sie die Sage nach Minuten, Tagen und Monaten nacherzählen und in einer zweiten Variante von Person zu Person weitergeben, ein Verfahren, das als serielle Reproduktion bekannt wurde.

Bartlett beobachtete, dass die Geschichte mit jeder Wiedergabe kürzer und vertrauter wurde. Unverständliche Einzelheiten fielen weg, fremde Dinge wurden durch bekannte ersetzt, und die Erzählenden fügten Begründungen hinzu, die im Original fehlten, damit die Handlung für sie einen Sinn ergab. Sein Schluss: Erinnern ist eine Rekonstruktion. Bei jedem Erzählen bauen wir eine Geschichte neu zusammen, nach dem Muster dessen, was wir für wahrscheinlich halten. Allport und Postman griffen dieses Verfahren gut ein Jahrzehnt später auf, und ihr „Angleichen“ ist im Kern Bartletts Befund.

Die Gerüchtekliniken und die Angstgerüchte

Den Anstoß für die amerikanische Gerüchteforschung gab der Krieg. 1942 startete in Boston eine Zeitungskolumne mit dem Namen „Rumor Clinic“, Gerüchteklinik. Der „Boston Herald“ stellte dort umlaufende Gerüchte vor und setzte ihnen die Tatsachen entgegen, gestützt auf freiwillige Beobachter, die meldeten, was sie hörten. Organisiert wurde die Kolumne von einem jungen Psychologen aus Harvard, der gemeinsam mit Gordon Allport die Propagandaforschung des Sicherheitsausschusses von Massachusetts leitete. Nach dem Bostoner Vorbild entstanden auch in anderen Städten solche Kliniken.

1944 wertete der Psychologe in der Fachzeitschrift „Public Opinion Quarterly“ mehr als tausend Gerüchte aus den Kolumnen aus. Er definierte das Gerücht als eine zum Glauben bestimmte Aussage zu einem aktuellen Thema, die ohne offizielle Bestätigung verbreitet wird, und teilte die Gerüchte in drei Sorten ein:

  • Wunschgerüchte drücken aus, was Menschen sich erhoffen, etwa ein baldiges Kriegsende.
  • Angstgerüchte drücken aus, was Menschen befürchten.
  • Keilgerüchte zielen darauf, Misstrauen zwischen Gruppen zu säen.

Die Auswertung ergab, dass sich die negativen Sorten leichter verbreiteten als die hoffnungsvollen. Die Warnung vor dem weißen Transporter ist nach seiner Einteilung ein Angstgerücht in Reinform, und wenn sie, wie im jüngsten Kölner Fall, ein ausländisches Kennzeichen zeigt, bekommt sie zusätzlich etwas von einem Keilgerücht.

Tamotsu Shibutani: Gerüchte als improvisierte Nachrichten

Eine ganz andere Sicht entwickelte ein junger Mann, der den Krieg von der anderen Seite des Stacheldrahts erlebte. Tamotsu Shibutani (1920–2004), geboren im kalifornischen Stockton, wurde 1942 wie mehr als hunderttausend andere Amerikaner japanischer Herkunft interniert, zuerst in einem Sammellager, dann im Lager Tule Lake. Dort arbeitete er als teilnehmender Beobachter für eine sozialwissenschaftliche Studie über die Internierung und begann, die Gerüchte zu sammeln, die im Lager kursierten. Später wurde er Soziologe, promovierte in Chicago und lehrte lange an der University of California in Santa Barbara.

1966 erschien sein Buch „Improvised News“, improvisierte Nachrichten. Shibutani beschrieb das Gerücht als eine Form, in der eine Gruppe gemeinsam versucht, eine unklare Lage zu verstehen, wenn die offiziellen Kanäle schweigen oder unglaubwürdig sind. Gerüchte entstehen nach Shibutani dort, wo der Bedarf an Nachrichten größer ist als das Angebot. Für den Elternchat ist das eine aufschlussreiche Deutung: Die Eltern der 2b improvisieren eine Nachricht, weil sie über das, was vor der Schule geschieht, sonst keine Auskunft bekommen.

Moderne Sagen: der weiße Transporter als Erzählung

Dass die Warnung vor dem Transporter seit Jahren in immer neuen Orten auftaucht, hat noch einen weiteren Forschungszweig beschäftigt. Der US-amerikanische Volkskundler Jan Harold Brunvand, geboren 1933, bis 1996 Professor für Englisch an der University of Utah, veröffentlichte 1981 das Buch „The Vanishing Hitchhiker“, der verschwundene Anhalter. Darin sammelte er Geschichten, die als wahre Begebenheit erzählt werden, meist einem Freund eines Freundes zugestoßen sein sollen und in leicht veränderter Form an vielen Orten gleichzeitig auftauchen. Er nannte sie urban legends, im Deutschen hat sich der Begriff moderne Sagen eingebürgert.

Mit dem Kettenbrief früherer Jahrzehnte teilen viele von ihnen die dringende Bitte, sie unbedingt weiterzugeben. Moderne Sagen überleben, weil sie eine Sorge in eine einprägsame Geschichte fassen und weil jede neue Fassung lokal klingt: die eigene Schule, die eigene Straße, das Kennzeichen aus der Nachbarschaft. Correctiv fand genau dieses Muster beim weißen Transporter. Der Kern bleibt gleich, Ort und Fahrzeug wechseln, und jede Gruppe hält ihre Fassung für die erste.

Warum die Richtigstellung zu spät kommt

Warum die Mutter beim Laternenumzug drei Wochen später noch davon erzählt, obwohl die Polizei längst Entwarnung gegeben hat, haben zwei Psychologinnen der University of Michigan 1994 in einem Experiment gezeigt, das zum Klassiker wurde. Die Teilnehmenden lasen eine Folge von Meldungen über einen Lagerhausbrand. Zunächst hieß es, fahrlässig gelagerte entzündliche Stoffe in einem Abstellraum seien schuld. Später wurde diese Erklärung ausdrücklich zurückgenommen. Obwohl die Teilnehmenden die Rücknahme kannten und sich an sie erinnerten, stützten sie sich bei späteren Fragen zum Brand weiterhin auf die ursprüngliche Erklärung. Die Forschung nennt das den Effekt der fortgesetzten Beeinflussung.

Die beiden fanden auch einen Grund: Eine Rücknahme hinterlässt eine Lücke in der Geschichte. Wer erfährt, dass es die entzündlichen Stoffe nicht gab, weiß immer noch nicht, wie das Feuer entstanden ist, und greift in Ermangelung einer besseren Erklärung auf die alte zurück. Die Nachricht des Vaters, „Bei der Polizei ist nichts bekannt“, hinterlässt genau so eine Lücke. Sie sagt, was nicht passiert ist, und lässt offen, woher die Warnung kam. Die Geschichte vom Mann mit den Süßigkeiten ist dagegen vollständig, anschaulich und emotional. Drei Wochen später erinnert sich die Mutter an die Geschichte und hat die Lücke vergessen.

Gerücht, Falschmeldung und Scheinbeleg

Im Elternchat begegnen einem immer wieder dieselben Arten von Meldungen. Sie unterscheiden sich im Thema, gehören aber fast alle zur selben Sorte: Es sind Aussagen darüber, dass etwas der Fall ist, und eine Quelle steht nicht dabei. Typische Beispiele sind:

  • Warnungen vor Fremden, gefährlichen Spielen, vergifteten Süßigkeiten oder Betrugsmaschen,
  • Gesundheitsmeldungen über Läusemittel, Impfungen, Handystrahlung oder Zucker,
  • Schulnachrichten wie „Die Klassenlehrerin hört auf“ oder „Die Schule wird im Sommer zusammengelegt“,
  • angebliche Studien, nach denen Kinder mit Smartphone schlechter lesen, Kinder ohne Smartphone gemobbt werden oder ein bestimmtes Frühstück die Konzentration verdoppelt.

In dieser Sprache ist ein Gerücht schlicht eine Behauptung, die von Mund zu Mund geht, und jede Weiterleitung macht sie vertrauter, ohne ihr einen Beleg hinzuzufügen. Ob sie am Ende stimmt oder nicht, ist dabei offen. Manche Gerüchte erweisen sich als wahr. Bis dahin sind sie trotzdem unbelegt.

Auffällig ist, wie oft solche Meldungen einen Zusatz mitbringen, der an der Stelle steht, an der ein Beleg stehen müsste. Die Warnung vom Transporter enthält den Satz „Die Polizei ist informiert“. Die Gesundheitsmeldung beruft sich auf „Studien“. Die Schulnachricht stammt „von einer Mutter aus dem Elternbeirat“. Nachprüfen lässt sich keiner dieser Zusätze.

Listenkarte mit vier Scheinbelegen: Der berühmte Name, Studien zeigen, Die Zahl ohne Erhebung, Das eigene Institut
K-29 · Die vier Scheinbelege

Wo sich die Forschung widerspricht

So einig sich die Gerüchteforschung über die Zutaten ist, an zwei Stellen gehen die Deutungen auseinander.

  1. Störung oder gemeinsames Denken? Allport und Postman betonten die Verzerrung: Gerüchte verlieren Einzelheiten, spitzen zu und passen sich Vorurteilen an. Shibutani betonte die Leistung: Gerüchte sind der Versuch einer Gruppe, eine Lücke in ihrem Wissen zu schließen. Spätere Forschung gab beiden recht. Eine Auswertung von Gerüchtediskussionen in Internetforen aus dem Jahr 2004 fand, dass Beiträge zum gemeinsamen Verstehen die größte Gruppe bildeten: Menschen stellten Fragen, trugen Wissen zusammen, zweifelten und verwarfen. In der Klassengruppe der 2b war diese Leistung in der Frage der Mutter angelegt, welche Grundschule gemeint sei. Sie blieb nur unbeantwortet.
  2. Hilft es, ein Gerücht zu widerlegen? Schon im Krieg stritten die Fachleute darüber. Das Office of War Information, die Propagandabehörde der US-Regierung, sah die Gerüchtekliniken kritisch: Sie verbreiteten die Gerüchte erst, indem sie sie abdruckten. Die Bostoner Fachleute hielten dagegen, es sei besser, ein falsches Gerücht ans Licht zu ziehen und zu beantworten, als es ungehindert wuchern zu lassen. Dieselbe Spannung zeigte sich 2019 bei der „Momo-Challenge“, als Kinderschutzorganisationen davor warnten, dass gerade die vielen Warnungen Kinder neugierig machen könnten. Und die Michigan-Studie zeigt, dass eine bloße Rücknahme wenig ausrichtet, solange sie eine Lücke hinterlässt.

Gemeinsam ist allen Beteiligten eine Einsicht: Gerüchte gedeihen dort, wo eine Sache wichtig ist und verlässliche Auskunft fehlt. Allport und Postman haben das in ihre Formel geschrieben, Shibutani in seinen Begriff der improvisierten Nachricht.

Was das für die Klassengruppe der 2b bedeutet

Mit dieser Forschungsgeschichte im Kopf ergibt jeder Schritt des Dienstagabends einen Sinn.

  • Die Nachricht ist ein Angstgerücht im Sinne der Bostoner Auswertung und eine moderne Sage im Sinne Brunvands. Sie trifft eine Gruppe, für die das Thema so wichtig ist wie nur denkbar, und eine Lage, die für Eltern kaum unklarer sein könnte.
  • Auf ihrem Weg in die Gruppe hat sie eingeebnet, zugespitzt und angeglichen, wie Bartlett, Allport und Postman es beschrieben haben. Ort und Uhrzeit sind verschwunden, der Satz „Die Polizei ist informiert“ ist als Scheinbeleg geblieben.
  • Die Frage der Mutter nach der Schule war der Anfang dessen, was Shibutani gemeinsames Verstehen nannte. Niemand hat sie aufgenommen.
  • Die Richtigstellung des Vaters war sachlich und richtig, und sie hinterließ die Lücke, die die Michigan-Studie beschrieben hat. Drei Wochen später ist die Geschichte noch da und die Entwarnung vergessen.
Zwei Elternteile gehen bei einem Laternenumzug nebeneinander, eine Person spricht mit halb vorgehaltener Hand zur anderen. Vor ihnen laufen Kinder mit Laternen. Zwischen den Erwachsenen schwebt eine blasse, gestrichelte Sprechblase.
Drei Wochen später beim Laternenumzug

Wer das einmal gesehen hat, liest Warnungen anders. Die Sorge darf bleiben. Sie bekommt nur eine Begleiterin: die Frage, was an dieser Nachricht eigentlich belegt ist.

Was möglich ist

Im Elternchat entscheidet oft ein einziger Mensch, ob eine Kette weiterläuft oder abreißt. Es genügt jemand, der freundlich eine Frage stellt, ohne zu belehren und ohne die Sorge der anderen kleinzureden: eine Frage, die niemanden bloßstellt und trotzdem alle kurz innehalten lässt.

Es geht auch anders, an genau demselben Dienstagabend. Um 21:14 Uhr kommt die Warnung, die ersten Herzen erscheinen. Eine Mutter schreibt, sie verstehe den Schreck gut, ihr gehe es genauso, und stellt eine einzige ruhige Frage, die sich auf die Nachricht richtet und auf niemanden in der Gruppe. Zwei andere Eltern merken, dass sie es auch nicht wissen. Die Nachricht wandert in keine weitere Gruppe. Am nächsten Morgen meldet sich der Vater mit der Auskunft der Polizei, und weil die Gruppe schon am Abend innegehalten hat, liest diesmal fast jeder mit. Beim Laternenumzug drei Wochen später reden die Eltern über Laternen.

Wie diese Frage klingt und warum sie in einer Gruppe besorgter Eltern keinen Streit auslöst, ist Teil des kostenlosen Onlinekurses Zwei Fragen. Wer den nächsten Abend im Klassenchat gelassener erleben möchte, findet ihn auf zweifragen.de; der Kern ist in 30 Minuten geschafft.

Ein Gerücht im Elternchat ist so schnell wie die Sorge um die eigenen Kinder. Die Richtigstellung hat diese Sorge nie auf ihrer Seite.


Quellen

  1. Allport, Gordon W.: Die Natur des Vorurteils. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1971 (Original: The Nature of Prejudice. Addison-Wesley, Cambridge, Massachusetts 1954).
  2. Allport, Gordon W.; Postman, Leo: The Psychology of Rumor. Henry Holt, New York 1947.
  3. Bartlett, Frederic C.: Remembering. A Study in Experimental and Social Psychology. Cambridge University Press, Cambridge 1932.
  4. Bordia, Prashant; DiFonzo, Nicholas: Problem Solving in Social Interactions on the Internet. Rumor as Social Cognition. In: Social Psychology Quarterly 67 (1), 2004, S. 33–49.
  5. Brunvand, Jan Harold: The Vanishing Hitchhiker. American Urban Legends and Their Meanings. W. W. Norton, New York 1981.
  6. Johnson, Hollyn M.; Seifert, Colleen M.: Sources of the Continued Influence Effect. When Misinformation in Memory Affects Later Inferences. In: Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition 20 (6), 1994, S. 1420–1436.
  7. Knapp, Robert H.: A Psychology of Rumor. In: Public Opinion Quarterly 8 (1), 1944, S. 22–37.
  8. Shibutani, Tamotsu: Improvised News. A Sociological Study of Rumor. Bobbs-Merrill, Indianapolis 1966.
  9. Thust, Sarah: Erneut Falschmeldungen über weißen Transporter, der angeblich Kinder entführt – diesmal in Esch. CORRECTIV.Faktencheck, 27. September 2024.
  10. Waterson, Jim: Viral ‚Momo Challenge‘ Is a Malicious Hoax, Say Charities. In: The Guardian, 28. Februar 2019.
  11. WhatsApp: More Changes to Forwarding. Unternehmensblog, 19. Juli 2018, aktualisiert am 21. Januar 2019.