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16 Minuten Lesezeit

Der Satz, nach dem jede Diskussion kippt

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

K-46 · Die vier Fluchtformen

Für alle, die erlebt haben, wie ein Gespräch über eine strittige Behauptung in einem bestimmten Moment kippt: Eben ging es noch um die Sache, und plötzlich geht es um Meinungsfreiheit, um Humor oder um alles, was denkbar ist. Die Beispiele stammen aus Gesprächen in der Familie, unter Kollegen, im Verein und in Kommentarspalten. Es geht um vier Sätze, die im Alltag oft Totschlagargumente genannt werden, um die lange Geschichte solcher Ausweichmanöver von Aristoteles bis zur Argumentationsforschung, und um die Frage, warum sie ein Gespräch über Belege so zuverlässig beenden. Wer sie kennt, bemerkt den Moment, in dem eine Diskussion kippt, und behält in ihm festen Boden unter den Füßen.

Donnerstagabend im Vereinsheim, nach dem Training. In der Mannschaftsgruppe hat einer ein Bild geteilt: das Foto eines Bundesministers, darunter in großen Buchstaben ein Zitat, Rentner sollten eben weniger heizen und früher ins Bett gehen. Am Tresen wird darüber gelacht und geschimpft. Eine Spielerin fragt, wo der Minister das gesagt haben soll, sie habe nichts dazu gefunden.

Der Mann, der das Bild geteilt hat, zuckt mit den Schultern. „Ist halt meine Meinung.“

Sie hakt nach, es gehe ja um ein Zitat, also um etwas, das man nachschauen könne. „Mein Gott, das war Satire. Versteht hier keiner mehr Spaß?“

Ein anderer springt ihm bei: „Das muss man doch noch sagen dürfen.“

Und als sie ruhig darauf hinweist, dass niemand ihm das Sagen verbiete, sie wolle nur wissen, ob der Minister das wirklich gesagt habe, kommt der letzte Satz des Abends: „Aber es könnte doch sein. Zuzutrauen wäre es ihm.“

Am Tresen wechselt man das Thema. Die Spielerin hat das Gefühl, sie habe den Abend verdorben. Und das Bild mit dem Zitat ist am nächsten Morgen in drei weiteren Gruppen.

Genau so läuft es in unzähligen Varianten, mit Ministern jeder Partei, mit Unternehmen, Prominenten, Behörden und Nachbarn. Und fast immer gibt es diesen einen Moment, in dem die Diskussion kippt.

Totschlagargumente: vier Sätze, die immer zu spät kommen

Die vier Sätze vom Vereinsabend tauchen erstaunlich regelmäßig auf. Wer einmal darauf achtet, hört sie immer wieder, und zwar fast nur diese vier.

Listenkarte mit vier Sätzen: Ist halt meine Meinung, Das war Satire, Das muss man doch noch sagen dürfen, Aber es könnte doch sein
K-46 · Die vier Fluchtformen

Im Alltag nennt man solche Sätze oft Totschlagargumente, weil sie ein Gespräch beenden. Im Kurs Zwei Fragen heißen sie Fluchtformen, und zwei Merkmale zeigen, warum dieser Name passt.

Das erste Merkmal ist der Zeitpunkt. Alle vier kommen erst, nachdem jemand nach dem Beleg gefragt hat. Der Mann im Vereinsheim hat das Zitat zunächst ganz ernsthaft geteilt, als Aussage darüber, was ein Minister gesagt hat. Erst als die Nachfrage kam, wurde daraus eine Meinung, dann Satire, dann ein Freiheitsrecht und schließlich eine bloße Möglichkeit.

Das zweite Merkmal ist ihre gemeinsame Bauweise. Jeder der vier klebt dem ursprünglichen Satz ein neues Etikett auf, und jedes dieser Etiketten soll ihn aus der Sorte von Aussagen herauslösen, für die man einen Beleg braucht:

  1. „Ist halt meine Meinung“ erklärt die Aussage zur Bewertung. Bewertungen muss niemand belegen.
  2. „Das war Satire“ erklärt die Aussage zum Witz. Witze muss niemand belegen.
  3. „Das muss man doch noch sagen dürfen“ erklärt die Aussage zur Frage der Meinungsfreiheit. Wer sich auf ein Grundrecht beruft, scheint niemandem Rechenschaft zu schulden.
  4. „Aber es könnte doch sein“ erklärt die Aussage zur bloßen Möglichkeit. Wer nur eine Möglichkeit erwähnt, hat scheinbar gar nichts behauptet.

Der Satz über den Minister bleibt dabei die ganze Zeit derselbe: eine Aussage darüber, dass ein Mensch etwas Bestimmtes gesagt hat. Nur sein Etikett wechselt.

Warum der Moment so schwer zu greifen ist

Dass diese vier Sätze so zuverlässig funktionieren, liegt an etwas Bemerkenswertem: Jeder von ihnen beruft sich auf einen Wert, den die Fragende selbst hochhält. Genau deshalb fühlt sich Widerspruch so falsch an.

  • Toleranz. Wer „Ist halt meine Meinung“ hört und weiterfragt, wirkt, als wolle er anderen ihre Meinung nicht lassen.
  • Humor. Wer bei „Das war Satire“ nicht lockerlässt, gilt als verbissen und humorlos.
  • Freiheit. Wer bei „Das muss man doch noch sagen dürfen“ weiterbohrt, steht scheinbar auf der Seite derer, die anderen den Mund verbieten wollen.
  • Offenheit. Wer „Aber es könnte doch sein“ zurückweist, wirkt engstirnig und dogmatisch.

Die Spielerin im Vereinsheim schätzt Toleranz, Humor, Freiheit und Offenheit. Jede der vier Fluchten richtet einen dieser Werte gegen sie. Deshalb hat sie am Ende das Gefühl, sie sei diejenige gewesen, die den Abend verdorben hat, obwohl sie nur eine einzige Frage gestellt hat.

Ein Vereinsheim nach dem Training. Am Tresen hält ein Mann sein Smartphone hoch und zuckt mit den Schultern, eine Spielerin im Trainingsanzug steht ihm ruhig gegenüber, die Hände um ein Glas. Zwei Mitspieler wenden sich bereits ab. Über dem Tresen fliegen drei gleiche, leere Bildkarten von seinem Handy aus nach rechts davon.
Der Abend im Vereinsheim

Beim dritten Satz lohnt ein kurzer Blick ins Recht, denn das Grundrecht, auf das er sich beruft, ist tatsächlich stark. Das Grundgesetz schützt in Artikel 5 die Meinungsfreiheit, und es schützt sie weit: auch scharfe, polemische und verletzende Werturteile. Für Tatsachenbehauptungen zieht das Bundesverfassungsgericht in ständiger Rechtsprechung eine Grenze: Erwiesen oder bewusst unwahre Tatsachenbehauptungen fallen aus diesem Schutz heraus, weil sie zur Meinungsbildung nichts beitragen. Im Vereinsheim wollte niemand dem Mann etwas verbieten. Die Spielerin hatte nach einem Zitat gefragt, und ein Zitat ist eine Tatsache, die sich nachprüfen lässt.

Die hartnäckigste der vier

Die vierte Flucht hat einen besonderen Charakter, und sie überlebt am längsten. Mit dem Satz „Aber es könnte doch sein“ bleibt die Behauptung im Umlauf und ist zugleich jeder Prüfung entzogen, und wer ihn sagt, wirkt wie jemand, der nur nichts ausschließen will.

Die meisten Menschen halten Ungewissheit schlecht aus. Eine Lücke im Wissen fühlt sich unangenehm an, und fast jede Erklärung wirkt willkommen, solange sie die Lücke schließt. „Es könnte doch sein“ bietet genau das: eine Erklärung, die sich zugleich offen und vorsichtig gibt. Sie schließt die Lücke und behauptet dabei scheinbar nichts.

Merksatzkarte: „Möglichkeit ist kein Argument.“ Das Wort „Argument“ ist gelbgrün unterstrichen
K-50 · Möglichkeit ist kein Argument

Dass etwas sein könnte, sagt allerdings nichts darüber, ob es so ist. Möglich ist fast alles, was keinem Naturgesetz widerspricht: dass der Nachbar ein Doppelleben führt, dass der Kaffee vergiftet ist, dass der Minister diesen Satz irgendwann einmal gesagt hat. Eine Möglichkeit ist ein Anlass, nach Belegen zu fragen, und mehr leistet sie nicht.

Grundlagen: Woher Totschlagargumente kommen und warum sie so gut wirken

Ausweichmanöver im Streit sind so alt wie das Streiten. Philosophen haben sie seit der Antike gesammelt, Argumentationsforscher haben sie im 20. Jahrhundert systematisch beschrieben, und Psychologen haben untersucht, warum gerade der Satz „Es könnte doch sein“ so verführerisch ist. Wer diese Geschichte kennt, sieht die vier Sätze vom Vereinsabend in einer langen Reihe, und er versteht, warum sie wirken, obwohl sie nichts belegen.

Aristoteles und Schopenhauer: die alte Kunst, recht zu behalten

Der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 vor Christus) widmete eine ganze Schrift den Trugschlüssen, mit denen die Sophisten seiner Zeit Debatten gewannen: die „Sophistischen Widerlegungen“. Er unterschied dort Fehlschlüsse, die an der Sprache hängen, etwa an doppeldeutigen Wörtern, von solchen, die an der Sache vorbeigehen. Seither gehört die Sammlung solcher Tricks zum Grundbestand der Logik.

Gut zweitausend Jahre später griff der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860), bekannt durch sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819), das Thema mit spitzer Feder auf. Um 1830 schrieb er ein Manuskript, das erst nach seinem Tod 1864 erschien und heute unter dem Titel „Eristische Dialektik. Die Kunst, Recht zu behalten“ bekannt ist. Schopenhauer beschrieb darin 38 Kunstgriffe, mit denen man im Streit die Oberhand behält, ganz gleich, ob man recht hat. Der letzte ist der berühmteste: Merkt man, dass der Gegner überlegen ist, wird man persönlich und greift den Menschen an. Schopenhauer veröffentlichte das Manuskript zu Lebzeiten nicht, weil ihm die Beschäftigung mit allen Schlupfwinkeln der Rechthaberei zuwider war, und er hielt die Kenntnis solcher Tricks für nützlich, weil man sie dann beim anderen erkennt.

Die vier Fluchtformen sind leise Verwandte dieser Kunstgriffe. Sie kommen ohne Angriff aus und wechseln nur das Etikett, und gerade weil sie so friedlich klingen, fallen sie kaum auf.

Hans Albert und die Immunisierung einer Behauptung

Einen genauen Namen für das, was die vier Sätze mit einer Behauptung anstellen, hat ein deutscher Philosoph geprägt. Hans Albert (1921–2023), Soziologe und Philosoph, von 1963 bis 1989 Professor an der Universität Mannheim und einer der wichtigsten Vertreter des kritischen Rationalismus in Deutschland, beschrieb 1968 in seinem „Traktat über kritische Vernunft“ sogenannte Immunisierungsstrategien. Gemeint sind alle Verfahren, mit denen man eine Behauptung gegen Kritik abschirmt, sodass sie an keinem Einwand mehr scheitern kann. Albert sah darin den Kern jedes Dogmas: Die Begründung wird an einer beliebigen Stelle abgebrochen, und von da an gilt die Behauptung als unangreifbar.

Im Vereinsheim lässt sich zusehen, wie diese Immunisierung in vier Schritten abläuft. Mit jeder Fluchtform wird das Zitat ein Stück weiter aus der Reichweite der Frage gerückt, bis es am Ende als bloße Möglichkeit überhaupt nichts mehr zu behaupten scheint. Die Behauptung selbst ist dabei unverändert im Umlauf und am nächsten Morgen in drei weiteren Gruppen.

Van Eemeren und Grootendorst: zehn Regeln für einen fairen Streit

Die Argumentationsforschung des 20. Jahrhunderts hat aus dieser alten Sammlung von Tricks eine Theorie gemacht. Die niederländischen Sprachwissenschaftler Frans van Eemeren, geboren 1946, und Rob Grootendorst (1944–2000), beide an der Universität Amsterdam, entwickelten seit den späten 1970er Jahren die sogenannte Pragma-Dialektik. Sie fragten, welche Regeln Menschen einhalten müssen, damit ein Streit tatsächlich zu einer vernünftigen Klärung führt, und formulierten zehn solcher Regeln für eine kritische Diskussion. Ein Fehlschluss ist in diesem Modell jeder Zug, der gegen eine der Regeln verstößt und dadurch die Klärung verhindert.

Die zweite Regel ist die Regel der Beweislast. Sie lautet sinngemäß: Wer einen Standpunkt vorbringt, ist verpflichtet, ihn zu verteidigen, wenn die andere Seite danach fragt. Genau an dieser Stelle setzen alle vier Fluchtformen an. Alle vier lassen die Regel scheinbar unangetastet und deuten den Standpunkt so um, dass sie gar nicht mehr zu greifen scheint: Für eine Meinung, einen Witz, ein Freiheitsrecht oder eine Möglichkeit, so die stillschweigende Behauptung, schulde man keine Verteidigung. Van Eemeren und Grootendorst haben solche Manöver als Ausweichen vor der Beweislast beschrieben. Thilo Baum, geboren 1970, Journalist und Autor von „Immun gegen Unsinn“ (2024), auf dessen Methode der Kurs Zwei Fragen aufbaut, fasst dieselbe Pflicht in drei Wörter: Wer behauptet, belegt.

Whataboutism: der nahe Verwandte

Die vier Fluchtformen haben einen nahen Verwandten, der in politischen Debatten besonders häufig auftritt: den Whataboutism, nach dem englischen „What about …?“, „Und was ist mit …?“. Seine Wortgeschichte führt nach Irland. Am 30. Januar 1974 beklagte sich ein Geschichtslehrer in einem Leserbrief an die „Irish Times“ über Menschen, die auf jede Verurteilung von Gewalt im Nordirlandkonflikt mit dem Hinweis auf die Untaten der Gegenseite antworteten. Wenige Tage später, am 2. Februar 1974, sprach eine Kolumne derselben Zeitung von „Whataboutery“. Bekannt geworden ist die Antwortweise vor allem aus der sowjetischen Propaganda im Kalten Krieg, die auf Kritik an den eigenen Zuständen mit Verweisen auf Missstände im Westen reagierte. In der heutigen Form „Whataboutism“ verbreitete sich das Wort durch den britischen Journalisten Edward Lucas, geboren 1962, damals Redakteur des Wochenmagazins „The Economist“, der am 31. Januar 2008 einen Artikel mit diesem Titel veröffentlichte.

Baum beschreibt in „Immun gegen Unsinn“ ein eigenes Erlebnis damit. Als er im Februar 2024 nach dem Tod des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny (1976–2024) einen Beitrag zu dessen Gedenken veröffentlichte, hagelte es Kommentare, die fragten, was denn mit Julian Assange sei, dem australischen Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, geboren 1971. Baum schreibt, auch Assange gehöre seiner Meinung nach in Freiheit, und genau das macht den Fall lehrreich: Die Gegenfrage hatte mit seinem Beitrag nichts zu tun. Die Bewegung funktioniert in jede politische Richtung. Wer einen Missstand auf der einen Seite anspricht, bekommt einen Missstand auf der anderen Seite vorgehalten.

Whataboutism lenkt das Gespräch auf ein anderes Thema. Die vier Fluchtformen bleiben beim Thema und versuchen, den Satz selbst umzudeuten. Beide Bewegungen haben ein gemeinsames Ergebnis: Der Beleg bleibt aus.

Was Satire darf

Bei der Satire lohnt ein genauerer Blick, weil sie sich auf etwas wirklich Wertvolles beruft. Der Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky (1890–1935), einer der bekanntesten Satiriker der Weimarer Republik, beantwortete die Frage „Was darf die Satire?“ im Januar 1919 im „Berliner Tageblatt“ unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel mit einem Wort: „Alles.“ In demselben Text steht der Satz, der erklärt, was Satire leistet: Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Satire übertreibt, verzerrt und darf Dinge behaupten, die nicht stimmen, und ihr Ausgangspunkt bleibt dabei eine Wahrheit, die sie sichtbar machen will.

Deutsche Gerichte gehen mit Satire seit Langem in zwei Schritten um. Sie lösen den Aussagekern von der satirischen Einkleidung und prüfen beides getrennt. Die übertriebene, verzerrte Einkleidung ist weit geschützt. Enthält der Kern eine Tatsachenbehauptung, gelten für ihn dieselben Maßstäbe wie für jede andere Tatsachenbehauptung. Ein erfundenes Zitat unter dem Foto eines Ministers hat einen sehr klaren Kern: dass er diesen Satz gesagt hat.

Manche Absender bauen Beiträge inzwischen bewusst so, dass sie als Tatsache wirken, solange man sie glaubt, und als Satire gelten, sobald jemand widerspricht. Das ist eine Behauptung mit eingebautem Notausgang.

Ambiguitätstoleranz: warum „Es könnte doch sein“ so gut tut

Für die Wirkung der vierten Flucht hat die Psychologie einen Namen. Die österreichisch-amerikanische Psychologin Else Frenkel-Brunswik (1908–1958), in Lemberg geboren, die 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien in die USA emigrierte und an der University of California in Berkeley forschte, beschrieb 1949 ein Persönlichkeitsmerkmal, das sie Ambiguitätsintoleranz nannte: die Schwierigkeit, Mehrdeutiges und Offenes auszuhalten. Menschen mit diesem Merkmal greifen früh zu eindeutigen Lösungen und halten an ihnen fest, auch wenn die Lage sie nicht hergibt. Das Gegenstück, die Ambiguitätstoleranz, ist die Fähigkeit, eine Frage offen zu lassen, ohne sie vorschnell mit einer Erklärung zu füllen. Frenkel-Brunswik gehörte später zu den Autoren der viel diskutierten Studie „The Authoritarian Personality“ (1950).

Vier Jahrzehnte später griff der Sozialpsychologe Arie Kruglanski, geboren 1939 im polnischen Łódź, Professor an der University of Maryland, den Gedanken auf und nannte ihn Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit. Mit Kolleginnen entwickelte er Anfang der 1990er Jahre einen Fragebogen dazu, und 1996 beschrieb er mit einer dieser Kolleginnen zwei Phasen, die er „seizing“ und „freezing“ nannte: Unter Zeitdruck, Müdigkeit oder Lärm greifen Menschen früh nach der erstbesten Antwort, und dann frieren sie diese Antwort ein und nehmen neue Informationen kaum noch auf. Ein Abend am Tresen nach dem Training, mit Bier, Lärm und dem Wunsch nach einem lockeren Ausklang, ist nahezu ein Lehrbuchfall für solche Bedingungen.

Im deutschsprachigen Raum hat der Islamwissenschaftler Thomas Bauer, geboren 1961 in Nürnberg, Professor an der Universität Münster und 2013 Träger des Leibniz-Preises, den Begriff in die öffentliche Debatte getragen. In seinem Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ (2018) beschreibt er, wie moderne Gesellschaften Mehrdeutigkeit und Vielfalt immer schlechter ertragen und überall nach eindeutigen Antworten verlangen. „Es könnte doch sein“ ist in dieser Sicht eine paradoxe Antwort auf das Bedürfnis nach Eindeutigkeit: Der Satz gibt sich offen und liefert eine fertige Erklärung für das, was offen bleiben müsste.

Wo sich die Forschung reibt

Die Denker, die hier vorkommen, liefern ein stimmiges Bild, und an drei Stellen lohnt es sich, die Spannung auszuhalten.

  1. Ambiguitätsintoleranz kommt in jedem politischen Lager vor. „The Authoritarian Personality“ suchte 1950 nach den psychologischen Wurzeln des Faschismus und maß vor allem rechte Einstellungen. Schon 1954 wandte der US-amerikanische Soziologe Edward Shils (1910–1995) ein, die Studie übersehe den Autoritarismus auf der Linken. 1960 schlug der Psychologe Milton Rokeach (1918–1988) in „The Open and Closed Mind“ vor, Dogmatismus unabhängig von der politischen Richtung zu messen. Wer heute über Ambiguitätstoleranz spricht, spricht deshalb über eine menschliche Neigung, die in jedem Lager vorkommt, auch im eigenen.
  2. Manche Gegenfrage ist berechtigt. Wer einer Regierung vorhält, sie messe mit zweierlei Maß, stellt eine berechtigte Frage nach Folgerichtigkeit. Zum Ausweichmanöver wird die Gegenfrage erst, wenn sie die ursprüngliche Frage ersetzen soll und der Beleg dabei auf der Strecke bleibt.
  3. Satire wird tatsächlich missverstanden. 2005 formulierte ein Nutzer namens Nathan Poe, über den nichts weiter bekannt ist, in einem Internetforum eine Beobachtung, die als Poes Gesetz bekannt wurde: Ohne ein deutliches Zeichen wie einen zwinkernden Smiley lasse sich eine extreme Position kaum so parodieren, dass niemand die Parodie für echt hält. Wer also „Das war Satire“ sagt, kann im Einzelfall die Wahrheit sagen. Das ändert nichts an der Frage, ob das Zitat echt ist, es mahnt aber zur Vorsicht, bevor man jemandem Absicht unterstellt.

Eine vierte Spannung betrifft den Begriff selbst. Auch das Wort „Totschlagargument“ lässt sich als Totschlagargument verwenden. Wer einen ernst gemeinten Einwand mit diesem Etikett beiseiteschiebt, beendet das Gespräch auf dieselbe Weise, die er dem anderen vorwirft. Die Fluchtformen erkennt man deshalb an ihrer Funktion: Sie kommen nach der Frage nach dem Beleg, sie geben dem ursprünglichen Satz ein neues Etikett, sie enthalten selbst keine Quelle, und sie berufen sich auf einen Wert, den das Gegenüber teilt.

Davon klar zu trennen ist eine ehrliche Reaktion, die genauso nach der Frage kommen kann: „Da war ich mir wohl zu sicher“ oder „Stimmt, das habe ich nur irgendwo gelesen.“ Wer so antwortet, nimmt seinen Satz zurück oder schränkt ihn ein, und das verdient Respekt. Wer flieht, hat meist etwas weitergetragen, das er selbst geglaubt hat, und wird zum ersten Mal danach gefragt. Das ist unangenehm, und die Flucht ist eine sehr menschliche Reaktion darauf. Sie ist zugleich ein Zeichen: Wer ausweicht, hat gemerkt, dass er eigentlich liefern müsste.

Was möglich ist

Gegen alle vier Fluchtformen hilft ein einziger Gedanke, und er ist so einfach, dass er in einen Satz passt. Wer ihn einmal verstanden hat, kann Toleranz, Humor, Freiheit und Offenheit stehen lassen und trotzdem ruhig an der Stelle bleiben, an der der Satz gefallen ist.

Derselbe Donnerstagabend kann auch anders verlaufen. Die Spielerin fragt nach dem Zitat, der Mann sagt, das sei halt seine Meinung, und sie nickt und bleibt freundlich bei ihrer Frage. Als er von Satire spricht, lacht sie kurz mit und fragt weiter, ob der Minister das gesagt habe. Der Torwart, der neben ihr steht, sagt, das wüsste er eigentlich auch gern. Der Mann scrollt durch die Gruppe, findet die Quelle des Bildes nicht und sagt schließlich, kann sein, dass das ein Fake ist. Er löscht es aus der Mannschaftsgruppe. Am Tresen geht es danach ums nächste Spiel, und niemand hat das Gefühl, der Abend sei verdorben.

Wie dieser eine Gedanke klingt, ohne dass jemand bloßgestellt wird, gehört zu den Lektionen des kostenlosen Onlinekurses Zwei Fragen, dessen Kern in 30 Minuten zu schaffen ist. Wer beim nächsten „Das war doch nur Satire“ gelassen bleiben möchte, findet ihn auf zweifragen.de.

Eine Diskussion kippt in dem Moment, in dem alle über das Etikett reden und niemand mehr über den Satz darunter.


Quellen

  1. Adorno, Theodor W.; Frenkel-Brunswik, Else; Levinson, Daniel J.; Sanford, R. Nevitt: The Authoritarian Personality. Harper, New York 1950.
  2. Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. Mohr Siebeck, Tübingen 1968.
  3. Aristoteles: Sophistische Widerlegungen (Sophistici elenchi). Teil des Organon, 4. Jahrhundert vor Christus.
  4. Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam, Ditzingen 2018.
  5. Baum, Thilo: Immun gegen Unsinn. Wie wir uns eine fundierte Meinung bilden. GABAL, Offenbach 2024.
  6. Bundesverfassungsgericht: Beschluss vom 3. Juni 1987, 1 BvR 313/85 (Strauß-Karikaturen). BVerfGE 75, 369.
  7. Bundesverfassungsgericht: Beschluss vom 13. April 1994, 1 BvR 23/94. BVerfGE 90, 241.
  8. Eemeren, Frans H. van; Grootendorst, Rob: Argumentation, Communication, and Fallacies. A Pragma-Dialectical Perspective. Lawrence Erlbaum, Hillsdale 1992.
  9. Frenkel-Brunswik, Else: Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Perceptual Personality Variable. Journal of Personality 18 (1), 1949, S. 108–143.
  10. Healy, John (als „Backbencher“): Kolumne. The Irish Times, 2. Februar 1974.
  11. Kruglanski, Arie W.; Webster, Donna M.: Motivated Closing of the Mind. „Seizing“ and „Freezing“. Psychological Review 103 (2), 1996, S. 263–283.
  12. Lucas, Edward: Whataboutism. The Economist, 31. Januar 2008.
  13. O'Conaill, Sean: Leserbrief. The Irish Times, 30. Januar 1974.
  14. Rokeach, Milton: The Open and Closed Mind. Basic Books, New York 1960.
  15. Schopenhauer, Arthur: Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten (um 1830). Erstmals in: Frauenstädt, Julius (Hrsg.): Aus Arthur Schopenhauer's handschriftlichem Nachlaß. Brockhaus, Leipzig 1864.
  16. Shils, Edward A.: Authoritarianism: „Right“ and „Left“. In: Christie, Richard; Jahoda, Marie (Hrsg.): Studies in the Scope and Method of „The Authoritarian Personality“. Free Press, Glencoe 1954.
  17. Tucholsky, Kurt (als Ignaz Wrobel): Was darf die Satire? Berliner Tageblatt, 27. Januar 1919.