15 Minuten Lesezeit
Was Hannah Arendt 1967 über uns wusste

Dieser Text ist für alle geschrieben, die sich fragen, warum Wahrheit und Demokratie zusammengehören, und für alle, die beim Stichwort Fake News manchmal denken, das sei ein ganz neues Problem. Im Mittelpunkt steht ein Essay der politischen Denkerin Hannah Arendt aus dem Jahr 1967, dazu die Denker, auf die sie sich stützte, und die, die nach ihr weitergedacht haben. Begriffe wie Tatsachenwahrheit und Meinung werden dabei so erklärt, dass man kein Philosophiestudium braucht. Es geht um Hannah Arendts „Wahrheit und Politik“ und um die Frage, was ein fast sechzig Jahre alter Text über unseren Alltag mit Nachrichten und sozialen Netzwerken verrät. Wer ihn kennt, versteht besser, warum es sich lohnt, Meinungen und Tatsachen auseinanderzuhalten.
Am 25. Februar 1967 erschien in der amerikanischen Wochenzeitschrift „The New Yorker“ ein langer Essay mit dem nüchternen Titel „Truth and Politics“, Wahrheit und Politik. Es gab damals kein Internet, keine Smartphones und keine sozialen Netzwerke. Nachrichten kamen über Zeitungen, Radio und drei große Fernsehsender. Und trotzdem liest sich dieser Text heute, als hätte ihn jemand mit Blick auf eine Kommentarspalte von gestern Abend geschrieben.
Die Autorin war Hannah Arendt (1906–1975), deutsch-amerikanische politische Theoretikerin. Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover, studierte sie Philosophie, unter anderem in Marburg und Heidelberg. 1933 wurde sie in Berlin von der Gestapo verhaftet, weil sie Material über antisemitische Propaganda gesammelt hatte, und floh nach ihrer Freilassung über die Tschechoslowakei und Genf nach Paris. Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich wurde sie 1940 im Lager Gurs interniert, entkam und erreichte im Mai 1941 New York, wo sie bis zu ihrem Tod am 4. Dezember 1975 lebte. Bekannt wurde sie mit ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (englisch 1951, deutsch 1955), in dem sie untersuchte, wie Nationalsozialismus und Stalinismus funktionierten. Eine zentrale Rolle spielte darin schon die Frage, wie totalitäre Bewegungen mit der Wirklichkeit umgehen.
Wie „Wahrheit und Politik“ entstand
Der Anlass für den Essay war persönlich. 1961 hatte Arendt für den „New Yorker“ den Prozess gegen Adolf Eichmann (1906–1962) in Jerusalem beobachtet. Eichmann, SS-Obersturmbannführer, hatte im Nationalsozialismus die Deportation von Millionen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager organisiert. Arendts Bericht erschien 1963 als Buch, „Eichmann in Jerusalem“, und löste eine heftige Kontroverse aus. In der ersten Fußnote ihres Essays über Wahrheit und Politik schreibt Arendt, diese sogenannte Kontroverse sei der Anstoß gewesen, auch deshalb, weil ihr in der Debatte vieles vorgeworfen wurde, was sie nie geschrieben hatte.
Arendt erlebte also am eigenen Buch, wie schnell Behauptungen über Tatsachen ein Eigenleben entwickeln, und sie fragte sich, was das für eine Gesellschaft insgesamt bedeutet. Ihre Antwort beginnt mit einer Unterscheidung.
Hannah Arendt, Wahrheit und Politik: zwei Arten von Wahrheit
Arendt unterscheidet zwischen zwei Arten von Wahrheit, und sie greift dabei eine Unterscheidung auf, die auf den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zurückgeht. Seit Leibniz, schreibt sie, rechne man mathematische, naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheiten zu den Vernunftwahrheiten.
- Vernunftwahrheiten sind Wahrheiten der Mathematik, der Logik und der Philosophie. Dass zwei plus zwei vier ergibt, kann jeder mit eigenem Nachdenken jederzeit neu herausfinden. Selbst wenn alle Bücher verbrannt würden, ließe sich diese Wahrheit wiederentdecken.
- Tatsachenwahrheiten betreffen Ereignisse und Umstände: wer wann was getan hat, was wo geschehen ist. Sie hängen an Zeugen, Dokumenten und Erinnerungen. Wenn sie einmal verloren sind, kann kein noch so kluges Nachdenken sie zurückholen.
Arendts Pointe liegt in dieser Zerbrechlichkeit. Tatsachenwahrheiten sind, so beschreibt sie es, viel verletzlicher als Vernunftwahrheiten. Sie lassen sich leugnen, verdrehen und aus den Geschichtsbüchern streichen. Und gerade sie sind es, auf die sich politische Lügen richten.
Um zu zeigen, wo die Grenze der Deutung verläuft, erzählt Arendt eine Anekdote über Georges Clemenceau (1841–1929), französischer Ministerpräsident im Ersten Weltkrieg und einer der Architekten des Versailler Vertrags. Clemenceau soll kurz vor seinem Tod gefragt worden sein, was künftige Historiker wohl über die Schuld am Ersten Weltkrieg sagen würden. Er antwortete sinngemäß, das wisse er nicht. Er wisse aber sicher, dass sie nicht sagen würden, Belgien sei in Deutschland eingefallen.
Über Ursachen, Verantwortung und Bedeutung kann man streiten, das ist Deutung und Meinung. Dass im August 1914 deutsche Truppen in Belgien einmarschierten, ist eine Tatsache. Wer sie umdreht, hat den Bereich der Deutung verlassen und lügt.
Tatsachen als Gegenstand von Meinungen
Aus dieser Unterscheidung entwickelt Arendt einen Gedanken, der heute verblüffend aktuell klingt. Meinungen, schreibt sie, beziehen sich auf Tatsachen. In der deutschen Fassung ihres Essays heißt es:
„Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen. (…) Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht garantiert ist.“
Der Gedanke dahinter ist einfach und weitreichend. Wer über eine Stromtrasse, ein Gesetz oder eine Partei urteilen will, braucht zuerst zutreffende Informationen darüber. Werden die Tatsachen gefälscht, ist jede Meinung, die man sich darüber bildet, auf Sand gebaut, ganz gleich, wie frei man sie äußern darf.

Und Arendt beschreibt, warum gerade Tatsachen für Mächtige so unbequem sind:
„Mit unwillkommenen Meinungen kann man sich auseinandersetzen, man kann sie verwerfen oder Kompromisse mit ihnen schließen; unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann.“
Eine unbequeme Tatsache lässt sich, wie Arendt zeigt, durch die glatte Lüge erschüttern. Arendt beschreibt aber noch einen zweiten, leiseren Weg, den sie gerade in freien Ländern beobachtete: Unwillkommene Tatsachen werden, bewusst oder unbewusst, in Meinungen verwandelt, über die sich dann scheinbar gleichberechtigt streiten lässt. Das Verwischen der Grenze zwischen Tatsachenwahrheit und Meinung zählte sie ausdrücklich zu den vielen Formen, die die Lüge annehmen kann. Wer heute erlebt, wie eine nachprüfbare Aussage mit „Das ist eben deine Meinung“ beiseitegewischt wird, sieht genau diese Bewegung, die Arendt vor fast sechzig Jahren beschrieb.
Was die Lüge eigentlich zerstört
Der wohl berühmteste Gedanke des Essays betrifft die Frage, was passiert, wenn Lügen zum System werden. Arendt beschreibt dafür eine Folge, die über jede einzelne geglaubte Lüge hinausreicht:
„Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, (…) daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“
Das Ergebnis ist also ein Zustand, in dem Menschen die Fähigkeit verlieren, sich überhaupt noch zu orientieren. Sie halten am Ende nichts mehr für sicher, und genau dieser Zustand macht sie beliebig beeinflussbar. Arendt hat diesen Gedanken einige Jahre später in einem Fernsehinterview, das 1974 in Frankreich aufgezeichnet und 1978 in der „New York Review of Books“ gedruckt wurde, noch zugespitzt. Wenn alle einen ständig belügen, sagte sie dort sinngemäß, dann glaubt man am Ende überhaupt nichts mehr, auch die Lügen nicht. Und ein Volk, das nichts mehr glauben kann, kann sich keine Meinung mehr bilden, es verliert seine Fähigkeit zu handeln, zu denken und zu urteilen. Der Satz „Man weiß ja gar nicht mehr, was stimmt“, der heute an so vielen Küchentischen fällt, ist in Arendts Sprache der Verlust dieses Orientierungssinns.
Grundlagen: Wahrheit und Politik von Platon bis heute
Arendt stellt ihren Essay in eine Reihe, die bis zu den Anfängen der politischen Philosophie zurückreicht, und sie stützt sich auf Denker, die ihr halfen, Tatsachen und Meinungen auseinanderzuhalten, ohne die Meinung abzuwerten. Nach ihr haben andere den Faden aufgenommen, manche haben ihr widersprochen. Wer diese Linien kennt, versteht, warum „Wahrheit und Politik“ bis heute so oft zitiert wird, und wo der Text an seine Grenzen kommt.
Von Platon bis Hobbes: ein alter Konflikt
Arendt beginnt mit einer Feststellung, die sie selbst einen Gemeinplatz nennt: Niemand habe je bezweifelt, dass Wahrheit und Politik schlecht miteinander auskommen. Sie führt den Konflikt auf den griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 vor Christus) zurück. In seinem berühmten Höhlengleichnis kehrt der Philosoph, der die Wahrheit gesehen hat, zu den Menschen zurück, die nur Schatten kennen, und gerät in Lebensgefahr, weil sie ihm nicht glauben wollen. Bei Platon stand die Wahrheit des Philosophen gegen die bloße Meinung der Bürger.
Zweitausend Jahre später fand Arendt beim englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes (1588–1679) einen Satz, der zeigt, wie weit dieser Konflikt reichen kann. Hobbes schrieb 1651 in seinem „Leviathan“, selbst ein Lehrsatz der Geometrie wäre, hätte er den Interessen der Mächtigen widersprochen, wenn nicht bestritten, so doch durch das Verbrennen aller Geometriebücher unterdrückt worden. Arendt las darin eine Warnung: Politische Macht kann sogar die Wahrheiten der Vernunft bedrohen. Die Tatsachenwahrheiten sind noch viel leichter zu treffen, weil niemand sie aus eigener Kraft wiederherstellen kann.
Leibniz und Kant: zwei Wahrheiten und die Würde der Meinung
Die Unterscheidung, mit der Arendt arbeitet, stammt von dem deutschen Philosophen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). In seiner „Monadologie“ von 1714 unterschied er Vernunftwahrheiten, die notwendig gelten und deren Gegenteil unmöglich ist, von Tatsachenwahrheiten, die auch anders hätten sein können. Arendt übernahm diese Einteilung und gab ihr eine politische Wendung: Gerade weil Tatsachen auch anders hätten sein können, lassen sie sich so leicht anders darstellen.
Wichtig ist, dass Arendt die Meinung dabei keineswegs geringschätzte, und hier stützte sie sich auf Immanuel Kant (1724–1804). Kant hatte 1790 in der „Kritik der Urteilskraft“ eine „erweiterte Denkungsart“ beschrieben: die Fähigkeit, sich beim Urteilen in die Lage anderer zu versetzen und eine Frage von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten. Arendt machte daraus ihren Begriff des repräsentativen Denkens. Eine gute Meinung entsteht nach Arendt, indem man viele Sichtweisen im Kopf durchspielt, und die Vielfalt der Meinungen ist der Stoff, aus dem Politik gemacht ist. Gerade deshalb braucht diese Vielfalt einen gemeinsamen Boden aus Tatsachen. Wer über Belgien streitet, muss wissen, wer in wen einmarschiert ist.
Zufluchtsorte der Wahrheit
Gegen Ende des Essays fragt Arendt, wo eine Gesellschaft Tatsachenwahrheit schützt, auch gegen den Druck der Macht. Sie nennt Einrichtungen, die bewusst unabhängig von politischen Mehrheiten arbeiten sollen, vor allem die Justiz und die Universitäten, und beschreibt sie als Zufluchtsorte der Wahrheit, im englischen Original „refuges of truth“. Auch der Presse, die berichtet, was geschehen ist, weist sie diese Aufgabe zu, sofern sie vor Regierungsmacht und gesellschaftlichem Druck geschützt ist. Und sie würdigt die Geschichtsschreibung, deren Unparteilichkeit sie bis zu Homer zurückführt: Der griechische Dichter, dessen Lebenszeit meist ins 8. Jahrhundert vor Christus gelegt wird, habe in der „Ilias“ Freund und Feind, Sieger und Besiegte mit gleichen Augen betrachtet.
Wer sich heutige Desinformationskampagnen ansieht, stellt fest, dass sie genau auf solche Stellen zielen.

Gerichte, Wissenschaft und Medien sind die Orte, an denen eine Gesellschaft klärt, was gilt. Die Schulen kommen hinzu, weil dort die nächste Generation lernt, wie man das tut. Wer diese Stellen beschädigt, erreicht sein Ziel schon dann, wenn niemand mehr weiß, wem er glauben soll.
Die Lüge in der Politik: der zweite Essay von 1971
Vier Jahre nach „Wahrheit und Politik“ kehrte Arendt zu ihrem Thema zurück. Im Juni 1971 hatte die „New York Times“ begonnen, die sogenannten Pentagon-Papiere zu veröffentlichen, eine geheime Studie des US-Verteidigungsministeriums über den Vietnamkrieg. Der Militäranalyst Daniel Ellsberg (1931–2023) hatte sie der Presse zugespielt. Die Papiere zeigten, dass mehrere US-Regierungen die Öffentlichkeit über Jahre über den Verlauf und die Aussichten des Krieges getäuscht hatten. Arendt schrieb daraufhin den Essay „Die Lüge in der Politik“, der im November 1971 in der „New York Review of Books“ erschien.
Sie beschrieb darin eine Form der Lüge, die sie für neu hielt. Die traditionelle politische Lüge betraf Geheimnisse und Absichten und richtete sich gegen den Feind. Die moderne Lüge betrifft Dinge, die gar nicht geheim sind, sie richtet sich an das eigene Publikum, und sie verführt die Lügner selbst dazu, an ihr eigenes Bild zu glauben. Arendt sah darin die größte Gefahr: Wer lange genug an einem Bild der Wirklichkeit arbeitet, verliert irgendwann selbst den Kontakt zu ihr. Beide Essays sind auf Deutsch gemeinsam in dem Band „Wahrheit und Lüge in der Politik“ erschienen und bis heute lieferbar.
Harry Frankfurt: Wenn die Wahrheit egal wird
Eine Generation später nahm ein amerikanischer Philosoph einen verwandten Faden auf. Harry G. Frankfurt (1929–2023), Professor für Philosophie an den Universitäten Yale und Princeton, veröffentlichte 1986 in der Zeitschrift „Raritan“ einen Essay, der 2005 als schmales Buch zum Bestseller wurde: „On Bullshit“, auf Deutsch „Bullshit“. Frankfurt unterschied darin den Lügner vom Schwätzer. Der Lügner kennt die Wahrheit und versucht, sie zu verbergen, er bleibt also auf sie bezogen. Dem Schwätzer ist gleichgültig, ob das, was er sagt, wahr oder falsch ist, ihn interessiert nur, ob es seinem Zweck dient. Frankfurt hielt den Schwätzer deshalb für den größeren Feind der Wahrheit.
Frankfurts Unterscheidung schärft Arendts Gedanken vom verlorenen Orientierungssinn. Die Beliebigkeit, vor der Arendt warnte, entsteht dort, wo nicht mehr gelogen werden muss, weil die Frage nach wahr oder falsch gar keine Rolle mehr spielt. Das ist der Zustand, in dem ein Satz deshalb geteilt wird, weil er passt, und niemand mehr fragt, ob er stimmt.
Arendts Begriffe im Alltag
Übersetzt man Arendts Begriffe in die Sprache des Alltags, ergibt sich ein klares Bild:
- Tatsachenwahrheit entspricht einer Aussage darüber, dass etwas der Fall ist, für die ein Beleg vorliegt.
- Meinung entspricht einem Werturteil. Es bezieht sich auf Tatsachen, kann selbst aber nicht wahr oder falsch sein.
- Lüge ist eine bewusst falsche Aussage darüber, dass etwas der Fall ist.
- Beliebigkeit ist der Zustand, in dem die Unterscheidung zwischen diesen drei verloren gegangen ist.
Der Journalist Thilo Baum, geboren 1970, Autor der Bücher „Immun gegen Unsinn“ (2024) und „Krieg gegen die Köpfe“ (2026), auf dessen Methode der Onlinekurs Zwei Fragen aufbaut, eröffnet sein jüngstes Buch ausdrücklich mit Arendt. Er übersetzt ihren Kerngedanken so: Wenn wir nicht wissen, was stimmt, können wir uns auch keine fundierte Meinung bilden. Der Kurs Zwei Fragen zieht daraus eine praktische Folgerung: Werturteile kann man teilen oder nicht, Tatsachenaussagen brauchen einen Beleg.
Wo sich die Forschung reibt
„Wahrheit und Politik“ gehört zu den meistzitierten politischen Essays des 20. Jahrhunderts, und gerade deshalb lohnt es sich, die Stellen zu kennen, an denen er umstritten ist.
- Arendts eigene Tatsachen wurden bestritten. Der Essay entstand aus dem Streit um „Eichmann in Jerusalem“, und dieser Streit ist bis heute nicht abgeschlossen. Der Religionshistoriker Gershom Scholem (1897–1982), ein langjähriger Freund Arendts, warf ihr 1963 in einem Brief, der bald darauf veröffentlicht wurde, mangelnde Liebe zum jüdischen Volk und einen herzlosen Ton vor, besonders in ihren Passagen über die Judenräte. Die Philosophin Bettina Stangneth, geboren 1966, zeigte 2011 in ihrem Buch „Eichmann vor Jerusalem“ anhand von Dokumenten aus Eichmanns Jahren in Argentinien, dass er ein überzeugter Nationalsozialist geblieben war. Das stellt Arendts Bild eines Mannes in Frage, der vor allem gedankenlos funktioniert habe. Bemerkenswert ist, wie dieser Streit geführt wird: mit Dokumenten, Quellen und neuen Funden, also genau so, wie Arendt es für Tatsachenfragen verlangte.
- Die Wahrheit hat einen herrischen Zug. Arendt sah auch die Kehrseite. Sie schrieb, vom Standpunkt der Politik aus habe die Wahrheit einen despotischen Charakter, weil sie Anerkennung verlangt und keine Debatte zulässt. Ihr Essay lebt von dieser Spannung: Die Demokratie braucht gesicherte Tatsachen, und sie braucht zugleich den Raum für Meinungen, in dem niemand mit dem Anspruch auf letzte Wahrheit auftritt. Wer jede Meinungsverschiedenheit zur Tatsachenfrage erklärt, verfehlt Arendt ebenso wie der, der jede Tatsache zur Meinung erklärt.
- Sind Tatsachen nicht auch gemacht? In den Jahrzehnten nach Arendt betonten viele Wissenschaftsforscher, dass auch wissenschaftliche Tatsachen in Laboren, Instituten und Debatten hergestellt werden. Einer der einflussreichsten war der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour (1947–2022), der 1979 mit einem britischen Kollegen die Studie „Laboratory Life“ über ein kalifornisches Forschungslabor veröffentlichte. 2004 fragte Latour in einem vielbeachteten Aufsatz selbstkritisch, ob er sich geirrt habe, als er an diesem Forschungsfeld mitwirkte. Er hatte beobachtet, dass Leugner des Klimawandels und Verschwörungsgläubige Argumente der Wissenschaftskritik benutzten, um gesichertes Wissen insgesamt in Zweifel zu ziehen. In seinen letzten Lebensjahren setzte er sich dafür ein, das Vertrauen in die Wissenschaft wiederherzustellen.
- Was ist gefährlicher, die Lüge oder die Gleichgültigkeit? Arendt sah die größte Gefahr in der konsequenten Ersetzung von Tatsachen durch Lügen, Frankfurt im Verlust des Interesses an der Wahrheit. Die beiden Diagnosen ergänzen sich, und gemeinsam beschreiben sie ziemlich genau, was man heute an einem schlechten Abend in einer Kommentarspalte beobachten kann.
Was möglich ist
Hannah Arendt beschreibt das Problem auf der Ebene einer ganzen Gesellschaft. Im Alltag zeigt es sich in einzelnen Sätzen: am Familientisch, im Elternchat, in der Kantine. Und dort lässt sich auch etwas dagegen tun, mit einem Handwerk aus Journalismus und Recht, das genau die Unterscheidung pflegt, die Arendt so wichtig war.
Wie das aussehen kann, zeigt die Kommentarspalte von gestern Abend mit einem anderen Verlauf. Unter einem Artikel über ein Gerichtsurteil schreibt jemand, das Gericht habe in Wahrheit etwas ganz anderes entschieden, als in den Medien stehe. Ein anderer antwortet, das sei ja wohl seine Meinung, und darunter beginnt der übliche Schlagabtausch. Dann meldet sich eine dritte Leserin. Sie trennt in zwei Sätzen, was das Gericht entschieden hat, das kann man nachlesen, und wie man das Urteil findet, darüber darf man streiten. Sie verlinkt die Pressemitteilung des Gerichts. Der erste Kommentator antwortet, er habe das anders verstanden, und schreibt danach, warum er das Urteil trotzdem für falsch hält. Darüber wird weiter gestritten, heftig und ohne Einigung. Aber alle reden jetzt über dasselbe Urteil.
Wer lernen möchte, im eigenen Alltag Tatsache und Meinung in Sekunden auseinanderzuhalten, findet dafür den kostenlosen Onlinekurs Zwei Fragen, dessen Kern in 30 Minuten zu schaffen ist, auf zweifragen.de.
Eine Gesellschaft wird verwundbar, sobald sie den Unterschied zwischen Tatsache und Meinung verliert.
Quellen
- Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Piper, München 1964 (Original 1963).
- Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1955 (Original 1951).
- Arendt, Hannah: Hannah Arendt. From an Interview. Gespräch mit Roger Errera. The New York Review of Books, 26. Oktober 1978.
- Arendt, Hannah: Lying in Politics. Reflections on the Pentagon Papers. The New York Review of Books, 18. November 1971.
- Arendt, Hannah: Truth and Politics. The New Yorker, 25. Februar 1967. Erweitert in: Between Past and Future. Eight Exercises in Political Thought. Viking, New York 1968.
- Arendt, Hannah: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. Piper, München, 7. Auflage 2023, S. 57 f., S. 61 und S. 83.
- Baum, Thilo: Krieg gegen die Köpfe. Wie Desinformation die Demokratie zerstört und wie wir die Gehirnwäsche aufhalten. Relevanz Verlag, Langenfeld (Rheinland) 2026, Kapitel 1.
- Frankfurt, Harry G.: On Bullshit. Raritan Quarterly Review 6 (2), 1986. Buchausgabe Princeton University Press, Princeton 2005. Deutsch: Bullshit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.
- Hobbes, Thomas: Leviathan. London 1651, Kapitel 11.
- Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Lagarde und Friederich, Berlin und Libau 1790, § 40.
- Latour, Bruno: Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern. Critical Inquiry 30 (2), 2004, S. 225–248.
- Latour, Bruno; Woolgar, Steve: Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Sage, Beverly Hills 1979.
- Leibniz, Gottfried Wilhelm: Monadologie (1714), § 33.
- Platon: Politeia, Buch 7 (Höhlengleichnis).
- Scholem, Gershom; Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. An Exchange of Letters. Encounter 22 (1), Januar 1964, S. 51–56.
- Stangneth, Bettina: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders. Arche, Zürich 2011.
Weitere Artikel
- Warum die politische Diskussion beim Familienessen eskaliert, obwohl niemand streiten will
- Warum „Man weiß ja gar nicht mehr, was stimmt“ ein Erfolg ist – nur nicht deiner
- Warum wir fast nichts prüfen, was wir glauben und teilen
- Warum sich Gerüchte im Elternchat schneller verbreiten als jede Richtigstellung
- Warum hinter „Ich sag ja nur“ fast nie eine Meinung steckt
- Warum du einen Streit mit Fakten fast immer verlierst
- Wer behauptet, belegt: Warum du nichts widerlegen musst
- Der Satz, nach dem jede Diskussion kippt
- Warum Falschmeldungen umso einleuchtender wirken, je öfter wir sie hören