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16 Minuten Lesezeit

Warum Falschmeldungen umso einleuchtender wirken, je öfter wir sie hören

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

K-04 · MIT-Studie

Ein Text für alle, die schon einmal eine Meldung für völlig plausibel gehalten haben, die sich später als falsch herausstellte, und die sich seitdem fragen, wie ihnen das passieren konnte. Die Beispiele stammen aus Nachrichten, sozialen Netzwerken und Gesprächen im Bekanntenkreis. Es geht um die Frage, warum Falschmeldungen so oft einleuchtend wirken, um die psychologischen Mechanismen dahinter und um eine Forschung, die mit einem kleinen Experiment in Philadelphia begann und heute Millionen Weiterleitungen auswertet. Wer sie kennt, erkennt das Gefühl „Das klingt doch logisch“ als das, was es ist: ein Gefühl.

Montagmorgen im Autoradio. Ein Comedian macht einen Witz darüber, dass wir ja nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen. Du lachst und denkst nicht weiter darüber nach.

Mittwoch in der Kaffeeküche. Eine Kollegin erzählt von einem Seminar, in dem es um ungenutzte Potenziale ging. Der Trainer habe gesagt, der Mensch nutze nur zehn Prozent seines Gehirns, der Rest schlummere. Du nickst. Das hast du doch neulich schon gehört.

Freitagabend auf dem Sofa. In deinem Feed erscheint ein Beitrag mit einer bunten Gehirngrafik: „Wissenschaftler bestätigen: Wir nutzen nur 10 % unseres Gehirns. Mit diesen fünf Übungen aktivierst du den Rest.“ Du schickst ihn deinem Bruder, mit dem Kommentar „Interessant!“.

Die Behauptung ist falsch. Bildgebende Verfahren zeigen seit Jahrzehnten, dass im Lauf eines Tages praktisch alle Bereiche des Gehirns aktiv sind, wenn auch nicht alle gleichzeitig, und sogar im Schlaf ruht keiner vollständig. Trotzdem hat sie sich im Laufe einer einzigen Woche von einem Witz zu einer Gewissheit entwickelt. Ihr einziger Beleg: Sie ist dreimal bei dir angekommen.

Warum Falschmeldungen einleuchten: der Wahrheitseffekt der Wiederholung

Was in dieser Woche passiert ist, gehört zu den am besten untersuchten Effekten der Psychologie. 1977 veröffentlichten drei Psychologen der Temple University und der Villanova University bei Philadelphia ein Experiment. Sie legten Studierenden dreimal im Abstand von zwei Wochen jeweils sechzig Aussagen vor, Sätze über Geschichte, Geografie oder Sport, manche zutreffend, manche falsch, alle schwer zu wissen. Die Studierenden sollten auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie sicher sie waren, dass ein Satz stimmt. Zwanzig der Aussagen kamen in allen drei Durchgängen vor, die übrigen jeweils nur einmal.

Das Ergebnis: Die wiederholten Aussagen wurden mit jedem Durchgang für wahrer gehalten, während die Einschätzung der neuen Aussagen gleich blieb. Allein das erneute Hören machte sie glaubwürdiger, ganz gleich, ob sie tatsächlich stimmten. Die Forschung nennt das seither den Wahrheitseffekt, im Englischen „illusory truth effect“.

In den Jahrzehnten danach wurde dieser Effekt in zahlreichen Studien bestätigt, und zwei neuere Arbeiten sind besonders aufschlussreich:

  • Wissen schützt nicht zuverlässig. 2015 zeigte ein Forschungsteam der Duke University in North Carolina, dass Wiederholung selbst dann wirkt, wenn die Versuchspersonen die richtige Antwort eigentlich kannten. Wer den Satz „Ein Sari ist der kurze karierte Rock, den Schotten tragen“ mehrfach gelesen hatte, hielt ihn häufiger für wahr, obwohl er auf direkte Nachfrage den Kilt richtig benennen konnte. Eine falsche Aussage, die man oft genug hört, fühlt sich vertraut an, und dieses Gefühl kann vorhandenes Wissen überlagern.
  • Ein einziges Mal genügt. 2018 untersuchte ein Team der Yale University in Connecticut die Wirkung von Falschmeldungen, wie sie in sozialen Netzwerken kursieren. Schon ein einziger vorheriger Kontakt mit einer erfundenen Schlagzeile ließ sie eine Woche später glaubwürdiger erscheinen. Das galt selbst dann, wenn die Schlagzeile beim ersten Mal mit einem Warnhinweis versehen war, Faktenprüfer hätten sie angezweifelt.

Warum das Falsche einen Vorsprung hat

Wiederholung erklärt, warum eine Falschmeldung immer glaubwürdiger wird. Warum sie überhaupt so oft wiederholt wird, erklärt eine Studie, die 2018 in der Fachzeitschrift „Science“ erschien.

Drei Forscher des Massachusetts Institute of Technology werteten zwölf Jahre Daten der Plattform Twitter aus: rund 126.000 Meldungen, die von etwa drei Millionen Menschen insgesamt rund viereinhalb Millionen Mal weiterverbreitet worden waren. Für jede Meldung hatten unabhängige Faktenprüfer festgestellt, ob sie stimmte oder nicht.

Listenkarte mit den Eckdaten der MIT-Studie: 126.000 Meldungen, 3 Millionen Menschen, 4,5 Millionen Weiterleitungen, 12 Jahre Twitter-Daten; falsche Meldungen verbreiten sich schneller, weiter und tiefer
K-04 · MIT-Studie

Das Ergebnis war eindeutig. Falsche Meldungen erreichten in kürzerer Zeit mehr Menschen und drangen tiefer in die Ketten der Weiterleitungen ein. Sie wurden mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit weitergeleitet, und zutreffende Meldungen brauchten im Schnitt etwa sechsmal so lange, um 1.500 Menschen zu erreichen. Dabei zeigte sich zweierlei:

  1. Das Falsche wirkt neu. Erfundene Meldungen wirkten auf die Nutzer überraschender. Wer etwas Neues weitergibt, steht als gut informiert da.
  2. Das Falsche wirkt emotional. Die Reaktionen auf falsche Meldungen zeigten häufiger Angst, Ekel und Überraschung, die auf zutreffende eher Erwartung, Traurigkeit, Freude und Vertrauen.

Und ein drittes Ergebnis wird oft überlesen: Automatisierte Konten, sogenannte Bots, verbreiteten wahre und falsche Meldungen ungefähr gleich häufig. Den Unterschied machten Menschen. Wir selbst sorgen dafür, dass das Falsche öfter bei uns ankommt, und damit auch dafür, dass der Wahrheitseffekt immer wieder neue Nahrung bekommt.

Warum es so gut zu dem passt, was wir schon denken

Ein dritter Mechanismus kommt hinzu. Eine Meldung leuchtet besonders ein, wenn sie zu dem passt, was wir ohnehin glauben. Beobachtet hat das schon der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon (1561–1626), der als einer der Begründer der neuzeitlichen Erfahrungswissenschaft gilt. In seinem „Neuen Organon“ schrieb er 1620, der menschliche Verstand ziehe, sobald er eine Meinung angenommen habe, alles andere heran, um sie zu stützen, und übergehe oder verwerfe, was ihr widerspricht, mag es auch zahlreicher und gewichtiger sein.

Experimentell untersucht hat es dreihundertvierzig Jahre später der britische Kognitionspsychologe Peter Wason (1924–2003), der am University College London das menschliche Schlussfolgern erforschte. 1960 nannte er Versuchspersonen die Zahlenfolge 2, 4, 6 und sagte, sie entspreche einer bestimmten Regel. Die Teilnehmenden sollten die Regel herausfinden, indem sie eigene Zahlenfolgen vorschlugen; Wason sagte ihnen jeweils, ob diese der Regel entsprachen. Die meisten bildeten schnell eine Vermutung, etwa „immer plus zwei“, und testeten dann Folgen wie 8, 10, 12 oder 20, 22, 24, die ihre Vermutung bestätigten. Folgen, die ihre Vermutung hätten widerlegen können, probierten nur wenige aus. Die tatsächliche Regel lautete schlicht: aufsteigende Zahlen.

Aus diesem und vielen späteren Versuchen entstand das Konzept des Bestätigungsfehlers. Wir suchen, bemerken und behalten bevorzugt, was unsere Annahmen stützt. Eine Falschmeldung, die zum eigenen Bild der Welt passt, muss deshalb kaum Widerstand überwinden. Das gilt für alle politischen Lager gleichermaßen: Wer Konzernen misstraut, findet die Meldung über einen vertuschten Skandal sofort plausibel, und wer der Regierung misstraut, die Meldung über eine geheime Absprache. Und wer, wie die meisten Menschen, gern glauben möchte, in ihm schlummerten ungenutzte Kräfte, nickt bei den zehn Prozent.

Grundlagen: Was Falschmeldungen einleuchtend macht

Dass Wiederholung überzeugt, wussten Redner, Werbeleute und Propagandisten lange, bevor Psychologen es messen konnten. Die Geschichte dieses Wissens, und die Geschichte des Zehn-Prozent-Satzes selbst, erklärt, warum die Woche aus der Eingangsszene so verlässlich funktioniert. Sie zeigt aber auch, wo die Forschung heute über das Ausmaß des Problems streitet.

Gustave Le Bon: Behauptung, Wiederholung, Ansteckung

Einer der Ersten, die das Prinzip ausdrücklich beschrieben, war der französische Arzt und Sozialpsychologe Gustave Le Bon (1841–1931). In seinem Buch „Psychologie der Massen“ von 1895, das zu einem der einflussreichsten Werke über politische Beeinflussung wurde, nannte er drei Mittel, mit denen Anführer Ideen in die Köpfe einer Menge bringen: die Behauptung, die Wiederholung und die Ansteckung. Die Behauptung müsse knapp sein und ohne jeden Beweis auskommen. Erst die Wiederholung verleihe ihr Gewicht. Eine oft wiederholte Behauptung, so Le Bon, setze sich schließlich so fest, dass sie am Ende wie eine bewiesene Wahrheit angenommen werde. Le Bons Buch ist in vielem überholt, seine Verachtung für die „Masse“ wirkt heute befremdlich. Für die Wiederholung hat ihm die Forschung achtzig Jahre später recht gegeben.

Zu dieser Geschichte gehört eine Pointe, die perfekt zum Thema passt. Der Satz „Eine Lüge, die man oft genug wiederholt, wird zur Wahrheit“ wird seit Jahrzehnten dem nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) zugeschrieben. Einen Beleg dafür hat bisher niemand gefunden, Historiker, die Goebbels' Reden und Schriften untersucht haben, halten die Zuschreibung für unwahrscheinlich. Am nächsten kommt dem Satz ein psychologisches Gutachten über Adolf Hitler (1889–1945), das der US-Geheimdienst OSS im Zweiten Weltkrieg anfertigen ließ und in dem unter Hitlers Grundsätzen steht, die Menschen würden eine Sache früher oder später glauben, wenn man sie nur oft genug wiederhole. Der Goebbels-Satz ist damit selbst ein Beispiel für das, was er beschreibt: Er wird geglaubt, weil man ihn so oft gehört hat.

Von William James zu den zehn Prozent: die Geschichte eines Mythos

Auch der Satz aus der Eingangsszene hat eine Geschichte, und sie zeigt, wie eine Behauptung auf dem Weg durch viele Münder ihre Gestalt verändert. Am Anfang steht der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1842–1910), einer der Begründer der akademischen Psychologie in den USA. Er vertrat um 1900 in Vorträgen und Aufsätzen die Ansicht, die meisten Menschen schöpften nur einen kleinen Teil ihrer geistigen und körperlichen Möglichkeiten aus. Eine Prozentzahl nannte er nicht.

1936 erschien Dale Carnegies (1888–1955) Ratgeber „Wie man Freunde gewinnt“, eines der meistverkauften Sachbücher des 20. Jahrhunderts. Im Vorwort schrieb der Journalist und Rundfunkreporter Lowell Thomas (1892–1981), Professor William James von der Harvard University habe gesagt, der Durchschnittsmensch entwickle nur zehn Prozent seiner verborgenen geistigen Fähigkeiten. Aus einer vagen Beobachtung über ungenutzte Möglichkeiten war eine genaue Zahl geworden, und aus den Fähigkeiten wurde in späteren Wiederholungen das Gehirn. Der kanadische Psychologe und Hirnforscher Barry Beyerstein (1947–2007), Professor an der Simon Fraser University in British Columbia, hat diesen Weg 1999 in einem viel zitierten Aufsatz nachgezeichnet und zugleich gezeigt, warum die Hirnforschung den Mythos klar widerlegt.

Der Mythos hat alle Zutaten, die eine Falschmeldung braucht. Er beruft sich auf einen berühmten Namen, er nennt eine genaue Zahl, er verspricht etwas, das sich viele wünschen, und er wird seit neunzig Jahren immer wieder erzählt, von Ratgebern, Seminaren, Filmen und Comedians. Auch der Trainer aus dem Seminar der Kollegin hat ihn, wie alle vor ihm, irgendwo gehört.

Verarbeitungsflüssigkeit: warum sich Vertrautes wahr anfühlt

Warum Wiederholung so wirkt, erklärt die Psychologie mit einem Begriff, der etwas sperrig klingt: Verarbeitungsflüssigkeit. Einen Satz, den wir schon kennen, versteht unser Gehirn schneller und müheloser. Diese Mühelosigkeit fühlt sich gut an, und das Gehirn deutet sie als Zeichen dafür, dass der Satz stimmt.

Wie weit dieser Mechanismus reicht, zeigte 1999 ein Experiment des deutsch-amerikanischen Sozialpsychologen Norbert Schwarz, geboren 1953 in Annweiler, heute Professor an der University of Southern California, gemeinsam mit einem Kollegen. Die beiden zeigten Versuchspersonen Aussagen in Farben, die sich vom Hintergrund unterschiedlich gut abhoben. Aussagen, die sich leicht lesen ließen, wurden häufiger für wahr gehalten. Der Inhalt war derselbe, nur die Lesbarkeit unterschied sich. Wiederholung wirkt auf demselben Weg: Was wir schon einmal gelesen haben, lesen wir beim zweiten Mal flüssiger.

Sogar der Klang eines Satzes spielt eine Rolle. Im Jahr 2000 legten zwei Psychologen des Lafayette College in Pennsylvania Versuchspersonen Lebensweisheiten in zwei Fassungen vor, einmal gereimt und einmal mit gleicher Bedeutung, aber ohne Reim. Die gereimten Fassungen wurden für zutreffender gehalten. Bat man die Teilnehmenden ausdrücklich, Klang und Inhalt auseinanderzuhalten, wurde der Effekt schwächer. Auch das ist Verarbeitungsflüssigkeit: Was sich leicht sprechen und merken lässt, fühlt sich richtig an. Eine griffige Zahl wie „zehn Prozent“ hat denselben Vorteil.

Daniel Kahneman (1934–2024), israelisch-amerikanischer Psychologe und Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2002, hat diesen Zusammenhang in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ (2011) als kognitive Leichtigkeit beschrieben. Er hielt fest, dass häufige Wiederholung ein verlässlicher Weg ist, Menschen Unwahrheiten glauben zu lassen, weil sich Vertrautheit von innen kaum von Wahrheit unterscheiden lässt, und er fügte hinzu, dass autoritäre Institutionen und Werbeleute das schon immer gewusst hätten. Damit schließt sich der Kreis zu Le Bon.

Thilo Baum und die Grenzen der Plausibilität

Der Journalist Thilo Baum, geboren 1970, ausgebildeter Redakteur und Autor des Buches „Immun gegen Unsinn“ (2024), auf dessen Methode der Onlinekurs Zwei Fragen aufbaut, beschreibt Plausibilität anhand von vier Eigenschaften. Eine Erzählung erscheint uns plausibel, wenn sie möglich ist, in sich widerspruchsfrei, vorstellbar im Rahmen unserer Lebenserfahrung und wenn nichts Bekanntes ihr entgegensteht. Keine dieser Eigenschaften sagt etwas darüber, ob die Erzählung stimmt.

Baum erzählt dazu eine Geschichte aus seinem eigenen Leben. Eines Tages bekam er Post von den Stadtwerken mit der Bitte, den Zählerstand abzulesen, weil er ja ausziehe. Er hatte nicht vor auszuziehen. Ein Zahlendreher in der Zählernummer eines anderen Kunden war durch mehrere Systeme gewandert, und der Netzbetreiber hatte in einem sogenannten Plausibilisierungsprozess festgestellt, dass der Umzug plausibel sei. Gefragt hatte ihn niemand. Alles hatte zusammengepasst, nur gestimmt hatte es nicht.

Fasst man Forschung und Alltagserfahrung zusammen, ergeben sich die Zutaten, die eine Falschmeldung einleuchtend machen:

  1. Wiederholung. Was wir schon einmal gehört haben, fühlt sich wahrer an.
  2. Neuigkeit. Was überrascht, wird eher weitergegeben und erreicht uns deshalb öfter.
  3. Gefühl. Was empört, ängstigt oder ekelt, bleibt hängen.
  4. Passung. Was zu unserem Weltbild passt, muss keinen Widerstand überwinden.
  5. Ein echtes Problem. Die meisten Falschmeldungen knüpfen an etwas an, das tatsächlich existiert: steigende Preise, lange Wartezeiten, eine verunsichernde Krankheit.
  6. Etwas, das wie ein Beleg aussieht. „Wissenschaftler bestätigen“, eine Prozentzahl ohne Herkunft, ein Screenshot.

Die Gehirngrafik vom Freitagabend erfüllt fast alle Punkte. Sie wiederholt, was man schon gehört hat, sie verspricht etwas Überraschendes, sie spricht den Wunsch nach ungenutzten Möglichkeiten an, sie beruft sich auf „Wissenschaftler“, und sie verkauft am Ende fünf Übungen.

Drei kleine Szenen nebeneinander wie drei Karten: links eine Frau am Steuer eines Autos mit Radio, in der Mitte dieselbe Frau mit einer Kaffeetasse neben einer Kollegin in einer Büroküche, rechts dieselbe Frau abends auf dem Sofa mit dem Smartphone. Über allen drei Szenen schwebt dieselbe kleine Gedankenblase mit einem schematischen Gehirn, die von links nach rechts immer größer und kräftiger wird.
Dreimal gehört

Wo sich die Forschung widerspricht

Über den Wahrheitseffekt selbst besteht weitgehend Einigkeit. Über die Frage, wie gefährlich Falschmeldungen tatsächlich sind und warum Menschen auf sie hereinfallen, wird dagegen lebhaft gestritten, und an drei Stellen lohnt es sich, beide Seiten zu kennen.

  1. Zu bequem zum Nachdenken oder zu parteiisch? Eine Forschungsrichtung, verbunden mit der Yale Law School, vertritt seit den 2010er Jahren die Auffassung, Menschen verarbeiteten Informationen so, dass ihre Gruppenzugehörigkeit geschützt bleibt, und gerade Menschen mit guten Denkfähigkeiten nutzten diese Fähigkeiten, um Belege im Sinne ihres Lagers zu deuten. Eine Studie der Yale University und der University of Regina kam 2019 zu einem anderen Ergebnis. Unter dem Titel „Lazy, not biased“ berichtete sie, dass Menschen, die gründlicher nachdenken, falsche Schlagzeilen besser erkennen, und zwar auch solche, die zu ihrer eigenen politischen Haltung passen. Vieles spricht dafür, dass beides je nach Thema zutrifft: Bei hoch aufgeladenen Identitätsfragen wiegt die Zugehörigkeit schwer, bei vielen alltäglichen Meldungen fehlt schlicht der zweite Blick.
  2. Ist das Falsche wirklich ansteckender gebaut? Die MIT-Studie wird oft so gelesen, als hätten falsche Meldungen eine andere Struktur der Verbreitung. 2021 verglichen zwei Forscher in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ wahre und falsche Meldungen, die gleich viele Menschen erreicht hatten. Bei gleicher Größe unterschieden sich ihre Verbreitungsmuster kaum. Der Vorsprung des Falschen liegt demnach allein darin, dass mehr Menschen es weitergeben. Für die Eingangsszene ist das eine wichtige Präzisierung: Es kommt auf jede einzelne Weiterleitung an, auf die eines Bruders am Freitagabend ebenso wie auf die jedes anderen.
  3. Wie groß ist das Problem? Zwei Studien aus dem Jahr 2019 zum US-Wahlkampf 2016 zeigten, dass der Kontakt mit Falschmeldungen sehr ungleich verteilt war. Auf Twitter ballte sich der Kontakt mit Seiten, die Falschmeldungen verbreiten, bei einem Prozent der untersuchten Nutzer, und ein noch kleinerer Kreis verbreitete den Großteil dieser Inhalte weiter. Auf Facebook teilten Nutzer über 65 solche Inhalte rund siebenmal so häufig wie die jüngste Altersgruppe. Seither warnen manche Forschende vor Panik: Die meisten Menschen bekommen vergleichsweise wenige Falschmeldungen zu sehen. Andere halten dagegen, dass schon wenige, oft wiederholte Falschmeldungen über den Wahrheitseffekt große Wirkung entfalten können.

Für die Woche mit dem Zehn-Prozent-Satz bedeutet dieser Streit etwas Beruhigendes und etwas Unbequemes zugleich. Beruhigend ist, dass die meisten Menschen gar nicht ständig mit Falschem überflutet werden. Unbequem ist, dass es für den Wahrheitseffekt auch gar keine Flut braucht. Drei Begegnungen in einer Woche haben genügt.

Was möglich ist

Den Wahrheitseffekt kann niemand abschalten, auch die Fachleute nicht, die ihn erforschen. Was sich lernen lässt, ist eine kurze Gewohnheit für den Moment, in dem sich das Gefühl „Das klingt doch logisch“ meldet. Sie dauert wenige Sekunden und funktioniert unabhängig davon, wie oft man einen Satz schon gehört hat. Sie beginnt mit der Frage, was für eine Art von Satz da gerade angekommen ist, und endet bei der Frage, ob er etwas mitbringt, das man prüfen kann.

Wie das aussehen kann, zeigt derselbe Freitagabend mit einem anderen Verlauf. Die bunte Gehirngrafik erscheint im Feed, und der Daumen liegt schon über dem Teilen-Knopf. Dann bemerkst du etwas: Das Einzige, was dir an diesem Satz sicher vorkommt, ist, dass du ihn schon kennst. Du schaust noch einmal hin. „Wissenschaftler bestätigen“, aber kein Name, keine Studie, nur fünf Übungen am Ende. Du legst das Handy weg und schickst deinem Bruder an diesem Abend nichts. Als die Kollegin in der nächsten Woche wieder von den zehn Prozent erzählt, sagst du, dass du dir da inzwischen nicht mehr so sicher bist, und ihr sucht gemeinsam nach. Fünf Minuten später lacht ihr beide über den Satz.

Wie die beiden Fragen im Alltag zusammenspielen, erklärt der kostenlose Onlinekurs Zwei Fragen, dessen Kern in 30 Minuten zu schaffen ist. Wer das Gefühl „Das klingt doch logisch“ künftig als Signal zum Hinsehen nutzen möchte, findet ihn auf zweifragen.de.

Damit eine Falschmeldung einleuchtet, genügt es, dass wir sie schon einmal gehört haben.


Quellen

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