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14 Minuten Lesezeit

Warum wir fast nichts prüfen, was wir glauben und teilen

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

K-09 · Die Kette

Für alle, die sich schon einmal dabei ertappt haben, etwas geteilt oder weitererzählt zu haben, das sie selbst nie nachgeprüft hatten, und die sich hinterher gefragt haben, wie das passieren konnte. Die Beispiele stammen aus dem Alltag zwischen Messenger, Nachrichtenseite, Radio und Kaffeeküche. Es geht um kritisches Denken und um die Frage, warum unser Kopf so gebaut ist, dass er zuerst glaubt und erst danach, wenn überhaupt, zweifelt. Der Artikel erzählt einen Streit, der im 17. Jahrhundert zwischen zwei Philosophen begann und heute in psychologischen Laboren weitergeführt wird, er zeigt, warum Vertrauen in andere die Grundlage fast allen Wissens ist, und er erklärt, was kritisches Denken seiner Herkunft nach eigentlich bedeutet. Wer das weiß, geht nachsichtiger mit sich selbst und klüger mit Meldungen um.

Mittwochmorgen, Regionalbahn, 7:42 Uhr. Auf dem Handy erscheint eine Schlagzeile: „Studie zeigt: Wer täglich drei Tassen Kaffee trinkt, lebt länger.“ Du leitest sie in die Familiengruppe weiter, mit einem Daumen und dem Satz „Na also!“. Gelesen hast du nur die Überschrift.

Im Büro erzählst du einer Kollegin, die Rentenbeiträge würden nächstes Jahr deutlich steigen. Das hast du am Vorabend im Autoradio gehört, irgendwo zwischen Wetter und Verkehr. Mittags heißt es in der Kantine, sie werde nächstes Jahr geschlossen, und am Tisch nicken alle. Abends schickst du deinen Eltern eine Warnung vor einer neuen Betrugsmasche per Messenger, die dir ein Bekannter weitergeleitet hat.

Vier Aussagen an einem Tag, die du geglaubt, wiederholt oder verbreitet hast. Geprüft hast du davon keine einzige. Und das Verblüffende daran: Du bist damit völlig normal.

Warum kritisches Denken später kommt als der Glaube

Die Frage, wie der menschliche Kopf mit einer neuen Aussage umgeht, ist älter als jede Nachrichtenseite. Schon im 17. Jahrhundert stritten zwei Philosophen darüber, ohne einander je zu begegnen.

René Descartes (1596–1650), französischer Philosoph und Mathematiker, beschrieb in seinen „Meditationen“ von 1641 einen Ablauf in zwei Schritten: Zuerst verstehen wir eine Aussage, dann entscheiden wir, ob wir sie für wahr halten. Verstehen und Urteilen sind bei ihm getrennt, und zwischen beiden liegt ein Moment der freien Prüfung.

Baruch de Spinoza (1632–1677), niederländischer Philosoph, widersprach in seiner „Ethik“, die kurz nach seinem Tod 1677 erschien. Für ihn ist Verstehen bereits eine Form des Annehmens. Wer einen Satz begreift, hält ihn in diesem Augenblick zunächst für wahr. Erst in einem zweiten Schritt, der Kraft kostet, kann er ihn wieder verwerfen.

Dreihundert Jahre lang blieb das eine Frage für Philosophieseminare. Dann nahm sich der US-amerikanische Psychologe Daniel Gilbert, geboren 1957, Professor an der Harvard University und später bekannt durch sein Buch „Stumbling on Happiness“ (2006), der Sache experimentell an. In einem Aufsatz mit dem Titel „How Mental Systems Believe“ trug er 1991 in der Fachzeitschrift „American Psychologist“ zahlreiche Befunde zusammen, die für Spinoza sprachen. Zwei Jahre später veröffentlichte er gemeinsam mit Kollegen ein Experiment, dessen Titel das Ergebnis schon verrät: „You Can't Not Believe Everything You Read“, man kann gar nicht anders, als alles zu glauben, was man liest.

In diesem Experiment lasen die Teilnehmenden Berichte über Straftaten. Einige Angaben darin waren ausdrücklich als falsch gekennzeichnet. Ein Teil der Gruppe wurde beim Lesen durch eine zweite Aufgabe abgelenkt. Später sollten alle ein Strafmaß vorschlagen. Die abgelenkten Teilnehmer behandelten die als falsch markierten Angaben deutlich häufiger so, als wären sie wahr, und das schlug sich in ihren Urteilen nieder. Das Glauben war von selbst geschehen. Für das Verwerfen hatte die Aufmerksamkeit gefehlt.

Für den Alltag ist das eine ernüchternde und zugleich entlastende Nachricht. Ernüchternd, weil der erste Reflex unseres Kopfes Zustimmung ist. Entlastend, weil jeder Mensch so funktioniert, die Professorin genauso wie der Pendler in der Regionalbahn um 7:42 Uhr, und besonders dann, wenn er müde, gehetzt oder abgelenkt ist.

Warum Nichtprüfen meistens vernünftig ist

Das Nichtprüfen hat zudem einen guten Grund: Fast alles, was wir wissen, wissen wir aus zweiter Hand. Wir haben es nie selbst nachgeprüft und könnten es oft auch gar nicht.

Dazu gehören Dinge, an denen niemand zweifelt:

  • dass die Erde um die Sonne kreist,
  • an welchem Tag wir geboren sind,
  • dass ein Medikament die Wirkung hat, die auf der Packungsbeilage steht,
  • dass der Zug um 7:42 Uhr fährt, weil es im Fahrplan steht.

Kein Mensch könnte leben, wenn er all das selbst überprüfen müsste. Vertrauen in andere ist die Grundlage menschlichen Wissens, und warum das so ist, hat die Philosophie gründlich durchdacht; davon erzählt der Grundlagenteil weiter unten. Über Jahrtausende hat dieses Vertrauen gut funktioniert, weil es eingebettet war: Man kannte die Menschen, von denen man etwas hörte, und man wusste ungefähr, wie verlässlich sie waren.

Genau dieser Filter funktioniert heute schlechter. Die Warnung vor der Betrugsmasche kommt vom Bekannten, dem man vertraut. Woher der Bekannte sie hatte, weiß niemand. Die Schlagzeile über den Kaffee steht auf einer Seite, die aussieht wie eine Nachrichtenseite. Das alte Vertrauen in Menschen wird so unbemerkt auf Absender übertragen, die man gar nicht kennt.

Dazu kommt, dass Teilen eine andere Handlung ist als Glauben. Eine Forschungsgruppe der Columbia University in New York und des französischen Forschungsinstituts Inria wertete 2016 Millionen von Links aus, die auf der Plattform Twitter geteilt worden waren. Ihr Ergebnis: Rund 59 Prozent der geteilten Links wurden nie angeklickt. Viele Menschen teilen also Überschriften. Teilen ist eine soziale Geste. Man zeigt damit Zugehörigkeit, Fürsorge oder Haltung, und ob der Inhalt stimmt, spielt dabei oft eine Nebenrolle.

Eine Pendlerin sitzt in der Regionalbahn und tippt auf ihr Smartphone. Aus dem Display steigt eine verschlossene Karte auf, von der nur der obere Balken sichtbar ist, und reiht sich in eine Kette gleicher, ungeöffneter Karten ein.
Weitergeleitet und ungelesen

Die Kette, an deren Anfang niemand schaut

Welche Folgen das hat, zeigt eine einfache Kette mit drei Gliedern.

Videokarte mit drei Begriffen, durch Pfeile verbunden: Information, Einordnung, Entscheidung
K-09 · Die Kette

Jede Entscheidung, die wir treffen, steht auf einer Information. Ob wir ein Nahrungsergänzungsmittel kaufen, eine Partei wählen, einen Fonds zeichnen oder unseren Kindern etwas verbieten: Am Anfang steht immer etwas, das wir für zutreffend halten. Dazwischen liegt die Einordnung, und über die denken wir oft lange und gründlich nach.

Das Problem: Ist die Information falsch, ist auch die Entscheidung falsch, egal wie klug wir dazwischen nachgedacht haben. Wir prüfen ständig unsere Entscheidungen. Wir wägen ab, holen Meinungen ein, schlafen eine Nacht darüber. Die Information ganz am Anfang der Kette prüfen wir fast nie. Und genau dort hat Spinoza recht behalten: Sie ist schon geglaubt, bevor wir überhaupt angefangen haben nachzudenken.

Grundlagen: Was kritisches Denken eigentlich bedeutet

Das Wort „kritisch“ geht auf das griechische Verb „krinein“ zurück. Es bedeutet trennen, unterscheiden, urteilen. Kritisches Denken heißt seiner Herkunft nach also zuerst einmal: unterscheiden können. Wie man das im Alltag schafft, obwohl unser Kopf zuerst glaubt und unser Wissen fast vollständig aus zweiter Hand stammt, haben Philosophen und Psychologen über mehr als zweihundert Jahre hinweg durchdacht. Ihre Antworten bauen aufeinander auf und widersprechen einander an entscheidenden Stellen.

Thomas Reid: Warum Vertrauen der Normalfall ist

Knapp neunzig Jahre nach Spinozas Tod beschrieb ein schottischer Pfarrer und Philosoph denselben Reflex und deutete ihn ganz anders. Thomas Reid (1710–1796), Begründer der schottischen Philosophie des gesunden Menschenverstands, veröffentlichte 1764 seine „Untersuchung über den menschlichen Geist nach den Prinzipien des gesunden Menschenverstands“. Im selben Jahr wurde er Professor für Moralphilosophie an der Universität Glasgow.

Reid beschrieb zwei Anlagen, die er für angeboren hielt und die einander ergänzen:

  1. Das Prinzip der Wahrhaftigkeit. Menschen neigen von sich aus dazu, die Wahrheit zu sagen. Lügen kostet Anstrengung, die Wahrheit kommt von allein.
  2. Das Prinzip der Leichtgläubigkeit. Menschen neigen ebenso von sich aus dazu, dem zu vertrauen, was andere ihnen sagen.

Bei Kindern, schrieb Reid, sei diese Leichtgläubigkeit grenzenlos, bis sie erste Erfahrungen mit Täuschung machen. Erst mit den Jahren werde sie durch Erfahrung und Urteilskraft gezügelt. Reid sah darin eine kluge Einrichtung der Natur, weil ein Kind ohne dieses Vertrauen weder sprechen lernen noch aus der Erfahrung anderer Nutzen ziehen könnte. Man stelle sich ein Kind vor, das erst selbst ausprobieren müsste, welche Beeren giftig sind.

Damit steht Reid in einer überraschenden Nähe zu Spinoza und Gilbert. Alle drei sagen, dass der Kopf zuerst annimmt. Spinoza und Gilbert sehen darin eine Schwäche, die uns anfällig macht. Reid sieht darin die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt etwas wissen.

Wissen aus zweiter Hand: ein Aufsatz aus Tennessee

Wie weit diese Abhängigkeit reicht, hat 1985 ein US-amerikanischer Philosoph der East Tennessee State University gezeigt. Sein Aufsatz „Epistemic Dependence“, auf Deutsch etwa Abhängigkeit im Wissen, erschien im „Journal of Philosophy“ und beginnt mit einem Fachartikel aus der Teilchenphysik. Der Artikel war 1983 in der Zeitschrift „Physical Review Letters“ erschienen, er berichtete über ein Experiment mit einem Teilchenbeschleuniger und hatte 99 Autorinnen und Autoren.

Der Philosoph fragte, wer dieses Ergebnis eigentlich weiß. Keine einzelne Person hätte alle Messungen, Berechnungen und Geräte selbst überprüfen können. Jede verließ sich auf die anderen. Sein Schluss: Das Wissen steckt in der Gemeinschaft der Forschenden, und es ist für einen Laien vernünftig, sich in vielen Fragen auf Fachleute zu verlassen, gerade weil er ihre Arbeit nicht selbst nachvollziehen kann. Wer darauf beharrt, nur das zu glauben, was er selbst geprüft hat, weiß am Ende sehr wenig.

Der Aufsatz verschiebt damit die Frage. Dass wir anderen vertrauen, ist gesetzt. Offen bleibt, wem wir vertrauen und woran wir erkennen, dass dieses Vertrauen begründet ist. Der Fahrplan der Bahn hat sich diesen Kredit über Jahre verdient. Der Bekannte, der die Betrugswarnung weiterleitet, ist vielleicht ein verlässlicher Mensch, aber kein Fachmann für Betrugsmaschen, und er verbürgt sich für eine Quelle, die er selbst nicht kennt.

John Dewey: Kritisches Denken als aufgeschobenes Urteil

Den Begriff des kritischen Denkens in seiner heutigen Bedeutung hat vor allem ein US-amerikanischer Philosoph geprägt, der sich vor allem für Schulen interessierte. John Dewey (1859–1952), Philosoph, Psychologe und Bildungsreformer, gründete 1896 in Chicago eine Versuchsschule und lehrte ab 1904 an der Columbia University in New York. 1910 veröffentlichte er ein schmales Buch für Lehrerinnen und Lehrer mit dem Titel „How We Think“, auf Deutsch „Wie wir denken“.

Dewey beschreibt darin das reflektierte Denken als aktive, beharrliche und sorgfältige Betrachtung einer Überzeugung im Licht der Gründe, die sie stützen, und der Schlussfolgerungen, zu denen sie führt. An einer Stelle verdichtet er das zu einem Satz, der oft zitiert wird: Das Wesen kritischen Denkens sei das aufgeschobene Urteil. Kritisch denkt nach Dewey, wer den Moment zwischen Hören und Glauben ein wenig verlängern kann, lange genug, um zu fragen, worauf eine Überzeugung eigentlich ruht.

Liest man Dewey neben Gilbert, wird deutlich, was das bedeutet. Wenn der Kopf zuerst glaubt, kann das Aufschieben des Urteils nur eine nachträgliche Leistung sein, und sie braucht genau die Aufmerksamkeit, die in Gilberts Experiment durch die Ablenkung fehlte. Um 7:42 Uhr in der Regionalbahn, zwischen zwei Haltestellen und mit halbem Blick auf das Handy, ist diese Aufmerksamkeit knapp.

Zwei Missverständnisse über kritisches Denken

Im Alltag wird der Begriff oft ganz anders verstanden, als Dewey ihn meinte, und daraus entstehen zwei Missverständnisse, die beide in die Erschöpfung führen.

  1. Kritisch sein heiße, alles anzuzweifeln. Wer allem misstraut, behandelt einen Bericht mit offengelegter Quelle genauso wie ein anonymes Video. Was als Wachsamkeit beginnt, endet so in Beliebigkeit, und am Ende glaubt man dann doch wieder, was sich gut anfühlt. Der Philosoph aus Tennessee hätte hinzugefügt: Wer niemandem vertraut, weiß am Ende fast nichts.
  2. Kritisch sein heiße, alles selbst zu recherchieren. Für eine einzige Behauptung über Zucker und Kinder bräuchte man Stunden und Zugang zur Fachliteratur. Wer das bei jeder Meldung versucht, gibt nach wenigen Tagen auf.

Beide Missverständnisse übersehen, worauf der Begriff seiner Herkunft nach zielt. Kritisches Denken beginnt mit dem Unterscheiden: welche Aussage überhaupt eine Prüfung verlangt und welche nicht. Vieles, was uns begegnet, ist eine Bewertung, die man teilen oder ablehnen kann; prüfen lässt sie sich gar nicht. Übrig bleiben Aussagen darüber, dass etwas der Fall ist, und von ihnen braucht längst nicht jede eine eigene Recherche.

Wo sich die Forschung widerspricht

Ob Spinoza und Gilbert recht haben, ist bis heute umstritten. An drei Stellen reiben sich die Positionen.

  1. Glauben wir wirklich alles, was wir verstehen? 2005 veröffentlichte ein Forschungsteam um Psychologen der Princeton University in der Zeitschrift „Psychological Science“ Experimente, die Gilberts Befund einschränkten. Wenn eine falsche Aussage für sich genommen etwas Interessantes mitteilte, wurde sie auch bei Ablenkung zutreffend als falsch erinnert. Die Forscher schlossen, dass Verstehen nicht unbedingt Glauben erfordert. Spinozas Mechanismus wirkt demnach vor allem bei Aussagen, deren Falschheit für uns ohne Bedeutung ist, und das sind im Alltag viele.
  2. Sind Menschen leichtgläubig oder wachsam? Der französische Anthropologe und Kognitionswissenschaftler Dan Sperber, geboren 1942, und sechs Kolleginnen und Kollegen beschrieben 2010 in der Zeitschrift „Mind & Language“ eine Fähigkeit, die sie epistemische Wachsamkeit nannten. Menschen prüfen beim Zuhören ständig und meist unbewusst, ob der Sprecher kompetent ist, ob er es gut mit ihnen meint und ob das Gesagte zu dem passt, was sie schon wissen. Einer der Mitautoren, ein französischer Kognitionswissenschaftler vom Institut Jean Nicod in Paris, spitzte das 2020 in seinem Buch „Not Born Yesterday“ zu: Den Ruf des Menschen als leichtgläubiges Wesen hält er für unverdient, und Versuche der Massenbeeinflussung sind nach seiner Auswertung der Forschung meistens gescheitert.
  3. Aufschieben oder vertrauen? Deweys Ideal des aufgeschobenen Urteils und der Nachweis unserer Abhängigkeit aus Tennessee ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Wer jedes Urteil aufschiebt, kommt nicht mehr zum Handeln. Wer allem vertraut, verliert die Kontrolle über sein Wissen.

Für den Tag in der Regionalbahn lassen sich diese Positionen zusammenführen. Sperbers Wachsamkeit gibt es, aber sie prüft die Quelle, die wir sehen: den Bekannten, die vertraute Familiengruppe, die Seite, die wie eine Nachrichtenseite aussieht. Die Quelle dahinter, von der die Betrugswarnung ursprünglich stammt, sieht sie nicht. Die Princeton-Experimente zeigen, dass der Spinoza-Reflex vor allem bei Aussagen wirkt, die uns wenig kümmern, und eine Kaffeestudie, die man mit „Na also!“ weiterleitet, gehört genau dazu. Und zwischen Dewey und dem Aufsatz aus Tennessee liegt der Weg, den Profis gehen: Sie vertrauen dort, wo Vertrauen verdient ist, und schieben ihr Urteil nur dort auf, wo eine Aussage Folgen hat.

Einig sind sich die Beteiligten dieses Streits in zwei Punkten. Ohne Vertrauen in andere gibt es kein menschliches Wissen, darin treffen sich Reid, der Philosoph aus Tennessee und Sperber. Und die Aufmerksamkeit, die es braucht, um ein vorschnell gefasstes Urteil wieder zu lockern, ist knapp, darin treffen sich Spinoza, Dewey und Gilbert. Wer sie auf alles verteilt, hat sie nirgends. Wer sie gezielt dort einsetzt, wo eine Aussage Folgen hat, kommt mit erstaunlich wenig aus.

Was das für den Mittwoch bedeutet

Mit diesem Wissen lässt sich der Tag vom Anfang neu lesen.

  • Die Kaffeestudie hast du geteilt, ohne sie zu lesen. Das ist Spinozas Reflex in seiner reinsten Form, verstärkt durch eine soziale Geste und die Uhrzeit.
  • Die Rentenbeiträge hast du aus dem Radio. Das ist Vertrauen im Sinne Reids und des Aufsatzes von 1985, und vermutlich war es berechtigt, solange du dich richtig erinnerst.
  • Die Kantine ist ein Gerücht, das im Kreis der Kollegen gewachsen ist. Niemand am Tisch weiß, woher es kommt, und das Nicken aller ersetzt die Quelle.
  • Die Betrugswarnung hast du weitergeleitet, weil du dem Bekannten vertraust. Deine Wachsamkeit hat ihn geprüft und die Quelle hinter ihm übersehen.

Vier Aussagen, vier verschiedene Lagen, und nur bei zweien davon hätte es überhaupt einen Unterschied gemacht, kurz innezuhalten: bei der Warnung, die du an deine Eltern geschickt hast, und bei dem Gerücht, das eine ganze Kantine betrifft. Mit dieser Unterscheidung schrumpft die Menge dessen, was man selbst prüfen müsste, auf einen Bruchteil. Spinozas Reflex bleibt uns allen erhalten. Man kann ihm aber eine Gewohnheit zur Seite stellen, die schneller ist als jede Recherche.

Was möglich ist

Niemand muss den ganzen Tag Faktenchecks lesen, um sich nicht hereinlegen zu lassen. Journalistinnen und Wissenschaftler stehen jeden Tag vor mehr Behauptungen, als sie je prüfen könnten, und sie haben ein Handwerk dafür entwickelt, das ohne Recherche beginnt.

Derselbe Mittwoch lässt sich auch anders erleben. In der Regionalbahn liegt dein Daumen schon auf „Weiterleiten“, da bemerkst du, dass du nur eine Überschrift gelesen hast, und lässt die Kaffeestudie für den Abend liegen. Im Büro sagst du der Kollegin, du habest das mit den Rentenbeiträgen im Radio gehört, wüsstest aber nicht mehr genau, auf welchem Sender. In der Kantine merkst du dir nur, dass bisher niemand am Tisch weiß, woher das Gerücht stammt. Und die Betrugswarnung schickst du deinen Eltern erst, nachdem du bei der Polizei nachgesehen hast, ob es diese Masche wirklich gibt. Der Tag kostet dich keine fünf Minuten mehr, und abends weißt du von jeder der vier Aussagen, was du über sie weißt.

Der kostenlose Onlinekurs Zwei Fragen vermittelt das Handwerk der Profis in einer alltagstauglichen Form: zwei Fragen, die erste davon in drei Sekunden beantwortet, der Kern in 30 Minuten gelernt. Wer wissen möchte, wie sich der Tag mit Kaffeestudie, Rentenmeldung und Betrugswarnung damit anfühlt, findet den Kurs auf zweifragen.de.

Unser Kopf glaubt zuerst. Kritisches Denken beginnt mit der Frage, was das eigentlich war, das er gerade geglaubt hat.


Quellen

  1. Descartes, René: Meditationes de prima philosophia. Michel Soly, Paris 1641. Deutsch: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie.
  2. Dewey, John: How We Think. D. C. Heath, Boston 1910.
  3. Gabielkov, Maksym; Ramachandran, Arthi; Chaintreau, Augustin; Legout, Arnaud: Social Clicks. What and Who Gets Read on Twitter? In: Proceedings of the ACM SIGMETRICS, Antibes 2016.
  4. Gilbert, Daniel T.: How Mental Systems Believe. In: American Psychologist 46 (2), 1991, S. 107–119.
  5. Gilbert, Daniel T.; Tafarodi, Romin W.; Malone, Patrick S.: You Can't Not Believe Everything You Read. In: Journal of Personality and Social Psychology 65 (2), 1993, S. 221–233.
  6. Hardwig, John: Epistemic Dependence. In: The Journal of Philosophy 82 (7), 1985, S. 335–349.
  7. Hasson, Uri; Simmons, Joseph P.; Todorov, Alexander: Believe It or Not. On the Possibility of Suspending Belief. In: Psychological Science 16 (7), 2005, S. 566–571.
  8. Mercier, Hugo: Not Born Yesterday. The Science of Who We Trust and What We Believe. Princeton University Press, Princeton 2020.
  9. Reid, Thomas: An Inquiry into the Human Mind, on the Principles of Common Sense. A. Millar, A. Kincaid und J. Bell, Edinburgh 1764. Kapitel 6, Abschnitt 24.
  10. Sperber, Dan; Clément, Fabrice; Heintz, Christophe; Mascaro, Olivier; Mercier, Hugo; Origgi, Gloria; Wilson, Deirdre: Epistemic Vigilance. In: Mind & Language 25 (4), 2010, S. 359–393.
  11. Spinoza, Baruch de: Ethica, ordine geometrico demonstrata. In: Opera posthuma, Jan Rieuwertsz, Amsterdam 1677. Deutsch: Ethik.